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Anstrengender Tag von 6.425 m zur Pazifikküste

Der große Tag, auf den wir uns die letzten Wochen vorbereitet haben, ist gekommen. Es hat zwar nicht alles ganz so funktioniert, wie wir es geplant hatten, aber es ist geschafft. 6.425 m Höhenunterschied mit reiner Muskelkraft – vom Gipfel des Coropuna zur Pazifikküste…

Nach einer Nacht in Cotahuasi sind wir wieder zum Coropuna gefahren und haben unser Basislager auf ca. 5.170 m eingerichtet. Für die kommenden Tage war geplant, den besten Weg für unseren Aufstieg auf den 6.425 m hohen Hauptgipfel zu suchen. So sind wir Tags darauf zum Normalweg aufgebrochen. Ein großer Vorteil für uns war der Schnee, der an den Süd-ausgerichteten Moränenrücken noch bis weit hinunter lag. So konnten wir schon ab einer Höhe von 5.365 m mit den Skiern aufsteigen.

Ich bin vor 15 Jahren auf diesem Weg zum Gipfel gegangen, und er war für mich kaum wieder zu erkennen. Das Eis ist sehr stark zurückgegangen, der felsige Rücken zwischen 5.750 m und 6.100 m hat es damals in dieser Form nicht gegeben. Dadurch ist der Aufstieg anspruchsvoller geworden, vor allem bei den Schneeverhältnissen, wie wir sie hatten.
Auf 6.260 m kehrten wir um und mussten erkennen, dass sich diese Route für eine entspannte Skiabfahrt nur wenig eignet.

Am nächsten Tag starteten wir auf einem anderen Weg zum Gipfel. Ein Umweg durch Eisbrüche, unter dem Hauptgipfel vorbei und zu zwei steilen Flanken, die von der anderen Seite auf den Gipfel führen. Aritza hat uns den perfekten Weg durch die Spalten gefunden und auf ca. 6.150 m, unterhalb der Gipfelhänge, haben wir die Abfahrt angetreten und beschlossen, dass dies wohl die bessere Route für unser Projekt ist.

Der 14. Mai war unser „Ruhetag“. Umpacken, vorbereiten für den großen Tag, das Basislager nach oben, auf 5.255 m, verlegen, schlafen. Oder zumindest versuchen, Schlaf zu finden.

Um 19:00 Uhr lagen wir in den Zelten, der Schlaf kam leider nicht, aber Ausruhen ist auch eine gute Vorbereitung. Um 21:30 Uhr läutete der Wecker und ließ uns umziehen, Schlafsäcke und Matten verpacken, „Frühstücken“ und fertig werden für den Aufbruch. Um 23:15 Uhr ging es los, zuerst 100 Höhenmeter zu Fuß bis zum Schnee, dann über den bereits bekannten Weg zu den Hängen unterhalb des Gipfels. Alles verlief bestens, das Wetter war perfekt, der Wind hat sich sehr zurückgehalten. Die letzten 300 Höhenmeter ging es dann teilweise mit Steigeisen hinauf, und pünktlich zum Sonnenaufgang um 6:00 Uhr standen Aldo, Aritza, Renzo und ich am höchsten Punkt des Coropuna auf 6.425 m und genossen die ersten Sonnenstrahlen dieses Tages, der noch lang und hart werden sollte.

Unser eigentliches Projekt begann in diesem Moment. Ich fuhr mit den Skiern ab, ein Teil der Gruppe hat für die ersten Meter die Steigeisen bevorzugt. Danach weiter in anspruchsvollem Bruchharsch durch den Gletscherbruch und hinunter bis zum Ende des Schnees. Von dort waren es nur gut 10 Minuten zu Fuß bis zu Lager. Die Fahrräder standen zwar schon bereit, weil aber bei einigen Reifen noch Luft fehlte und dies und das gemacht werden musste, verzögerte sich unsere weitere Abfahrt ein wenig. Aber um 8:40 Uhr ging es los. Wir ließen es erstmal rollen, auf einer sandig-schotterigen Straße gut 500 Höhenmeter bis auf 4.740 m, wo wir auf die offizielle Schotterstraße kamen.

Erst ein wenig bergauf und bergab, dann wieder hinunter. Diese ersten Kilometer waren nicht schwierig und haben richtig Spaß gemacht. Ein bisschen ärgerlich war nur der Platten bei Renzos Fahrrad, der ihn leider zurückfallen ließ.
Aldo, Aritza und ich wurden von Iván auf dem Fahrrad begleitet. Iván ist auch Bergführer und Inhaber der Outdoor-Agentur „Quechua Explorer“ in Arequipa und hat uns die Bikes zur Verfügung gestellt. So ging es weiter bis nach Rata, wo der von uns gewählte Weg nach rechts abzweigte.

Ursprünglich war geplant, durch das Valle de Majes nach Camaná abzufahren. Dann wurde uns jedoch die Straße nach Ocoña empfohlen. Landschaftlich auch schön, wenige Gegenanstiege, super Schotterstraße, bis auf ein paar Kilometer. Ein Blick auf die Karte verriet uns, dass die Straße 30 km später im Tal ankommt und wir daher – so unser Irrglaube – 30 km Abfahrt gewinnen würden. Also rechts weg nach Ocoña.

Es ging erstmal bergauf und ein bisschen bergab, aber wir waren ja noch relativ frisch, und jeder Meter bergauf bedeutete mehr Abfahrt. Die Straße war okay, ziemlich holprig und manchmal auf weiten Strecken Waschbrettpiste. Aber Hintern, Handgelenke und Knie waren noch frisch und regten sich nicht auf.
In der Zwischenzeit hatte Renzo wieder zu uns aufgeschlossen, Aritza ging die Abfahrt aufgrund einer alten, noch störenden Verletzung ein wenig langsamer an und blieb weiter hinten bei unserem Begleitfahrzeug und Iván.

Dann, nach 5 Stunden Fahrt kam Aldos Reifenplatzer. Wir wussten nicht, wie weit hinter uns die anderen waren. Telefonisch konnten wir niemanden erreichen.
Unser Plan sah im besten Fall vor, dass wir zum Sonnenuntergang an der Küste sind, vorzugsweise mit einem Glas Pisco Sour in der Hand. Und dies war noch möglich, aber nur, wenn wir uns ranhielten und keine Minute verschwendeten. Daher trafen wir die Entscheidung, dass Renzo und ich schon einmal weiterfahren, Aldo wartete auf Hilfe und wir beschlossen, uns telefonisch darüber zu verständigen, wie es dann weiter geht.

Renzo und ich gaben Gas, meine Laune verschlechterte sich jedoch mit jeder Minute. Mich störte, dass Aldo wegen einem dummen Platten nicht mehr mit uns abfahren konnte, wir hatten dieses Projekt doch gemeinsam geplant, gestartet, und sollten es auch gemeinsam beenden. Ich begriff nicht, wieso unser Begleitfahrzeug weder in der Nähe, noch erreichbar war, genau dann, wenn wir es benötigten. Dann waren da noch die Gegenanstiege. Mir schien, dass die Straße nur aus Flachstücken und Bergauffahrten bestand. Und wenn es einmal hinunter ging, war die Piste so schlecht, dass man nur selten schneller als 35 km/h fahren konnte. Und, die Kilometer wollten nicht weniger werden.

Als wir im flachen Teil der von uns gewählten Strecke ankamen, sagte das Handy, dass noch 100 km fehlten, und uns wurde klar, dass es mit dem Sonnenuntergang an der Küste definitiv nichts werden würde. In der ersten Ortschaft seit vielen Kilometern, in San Juan de Chorunga, machten wir halt und kauften uns etwas zu trinken und einen Muffin als verspätetes Mittagessen. Wir mussten uns auch um die Reifen auf Renzos Fahrrad kümmern, die hatten kaum mehr Luft. In einem kleinen Geschäft bekamen wir Fahrradflicken und wir reparierten jeweils ein Loch in Vorder- und Hinterreifen.

Es ging weiter, auf einer größeren Schotterstraße, die jedoch noch schlechter war als die Straße zuvor. Telefonisch konnten wir leider niemanden erreichen, wir hofften, dass es allen gut ging. Zwanzig Kilometer weiter kam der lange erwartete Anruf von Carlos. Er teilte mir mit, dass es allen gut gehe, und sie gerade in San Juan de Chorunga angekommen seien. Spitze. Wir gingen davon aus, dass das Begleitfahrzeug in spätestens einer Stunde zu uns aufschließen würde. Wir hatten noch knapp zwei Stunden Licht und wollten dieses nutzen, also warteten wir nicht, sondern gaben weiter unser Bestes.

Schön zu wissen, dass bald Unterstützung kommt, und in unserem Fall war dies auch dringend notwendig. Weil wir ja davon ausgingen, dass das Begleitfahrzeug ständig in unserer Nähe ist, hatten wir nicht viel dabei. Bei Renzo war es nur eine Jacke, bei mir ein Rucksack mit Kamera, Erster Hilfe, Jacke, ein paar Keksen, einer leeren Trinkflasche und insgesamt 80 Soles (20 Euro). Zusätzlich eine Stirnlampe, sowie eine Notlampe in der Ersten Hilfe. Aber, mit dem Begleitfahrzeug direkt hinter uns hätten wir ja auch in der Nacht beste Sichtverhältnisse und einen guten Schutz vor LKWs und SUVs. Normale PKWs verirrten sich glücklicherweise keine auf diese ruppige Schotterpiste.

Es wurde dunkler, und irgendwann richtig dunkel. Ich holte meine Stirnlampe aus dem Rucksack und gab sie Renzo, für mich blieb das Notlicht. Dies reichte, um auf der Straße bleiben zu können, Schlaglöcher konnte ich damit keine ausmachen, große Steine erkannte ich ca. 1 Meter vor dem Vorderrad. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit verringerte sich drastisch, wir waren mit 10 – 13 km/h unterwegs und mussten bei fast jedem LKW am Straßenrand anhalten. Entweder, um nicht überrollt zu werden, von hinten waren wir eher schwer zu erkennen, oder, weil das Licht der entgegenkommenden Fahrzeuge so blendete, dass man gar nichts mehr erkennen konnte.

So ging es dahin. Stunde um Stunde, der Hintern tat von den zehntausenden Schlaglöchern weh, Knie und Handgelenke hatten auch schon lange genug von der nervenden Waschbrettpiste. Irgendwann legten wir noch einmal einen kurzen Halt ein, um etwas zum Trinken zu kaufen. Essen war nicht drin, einerseits, weil wir nicht wussten, wieviel von unseren 80 Soles noch für Übernachtung und Verpflegung an der Küste verwendet werden musste, andererseits, weil dies wieder unnötig Zeit gekostet hätte. Und wir wollten endlich ankommen.

Weil wir Aldo, Aritza, Carlos und Iván telefonisch nicht erreichen konnten und wir keine Ahnung hatten, wo sie abgeblieben sein könnten, vertrauten Renzo und ich nicht mehr auf ihre Hilfe. Wird schon irgendwie gehen, ein Schlagloch nach dem anderen, jedes bedeutet einen unsanften Schlag auf den Hintern weniger bis zum Ziel in Ocoña.

Um Mitternacht waren wir endlich da. Renzo und ich, in Ocoña, an der Panamericana, wieder in der Zivilisation, nur 5 km von der Küste entfernt. Zwischen Tiendas, Hospedajes, Tankstellen und Imbissbuden. Total am Arsch, aber da. Wir suchten uns eine Tankstelle um Informationen zu Übernachtung und Restaurants einholen zu können, über die 5 km bis zur Küste, unserem eigentlichen Ziel, redeten wir kein Wort. Erstmal musste Cola und Wasser reichen, um wieder ein wenig zu Kräften zu kommen. Geschafft. Quasi. Geil.

Dann läutete das Telefon. Carlos – was für ein Wunder. In einer halben Stunde seien sie in Ocoña. Super. Viel mehr als „Tankstelle“ habe ich nicht geantwortet, wir saßen da und warteten, bis der Hyundai mit dem kaputten Auspuff erst zu hören, und dann auch zu sehen war. Hinter ihm, Aldo und Iván auf dem Fahrrad. Das kam überraschend!

Vor 11 Stunden hatten wir Aldo das letzte Mal gesehen, unser „Begleitfahrzeug“ war sogar für 15 Stunden verschwunden. Wir waren überglücklich, dass die Gruppe wieder komplett war. Aritza saß im Auto, er ist ca. 40 km vor dem Ziel vom Bike gestiegen, ihm hatte eine alte, noch nicht ganz verheilte Verletzung an den Rippen zunehmend Probleme bereitet. Der ganze Frust war verschwunden, neue Energie war auf einmal wieder da, woher die kam, weiß ich nicht.

Es fehlten noch die letzten gut 5 km zu Küste. Also wieder in die Sättel, diesmal zu dritt, Aldo, Renzo und ich. Eine knappe halbe Stunde später standen wir im Wasser und freuten uns wahnsinnig, unser Ziel nun endlich und doch noch und gemeinsam erreicht zu haben.

Ein harter Tag, ein sehr harter Tag ging zu Ende. Vor 19,5 Stunden standen wir am Gipfel des Coropuna auf 6.425 m, jetzt am Pazifik auf genau 0 m. Wir haben 217 km zurückgelegt, davon 211 auf dem Fahrrad.

Carlos hat uns in der Zwischenzeit eine Unterkunft gesucht, wir fuhren wieder zurück in die Stadt und legten uns für ein paar Stunden hin, bevor es mit dem Auto wieder zurück nach Arequipa ging…

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Bestens akklimatisiert am Coropuna – Bien aclimatizado para el Coropuna

Reporte de Aldo en español más abajo.

In den letzten Tagen haben wir uns im östlichen Teil des riesigen Gletscherkomplexes des Coropunas akklimatisiert.

Unsere kleine Expeditionsgruppe, bestehend aus Aldo Guerrero, Aritza Monasterio, Renzo Dario, Carlos Guerrero und mir, hat letzten Sonntag das erste Basislager auf 4.870 m eingerichtet. Noch am selben Tag haben wir unsere Skier, zusammen mit anderer Bergausrüstung, ins Hochlager auf 5.380 m gebracht. Der Weg dorthin war lang und die Rucksäcke mit ca. 25 kg ziemlich schwer. Ich hatte ein wenig Bedenken was meine Akklimatisation betrifft, da der Aufstieg auf 5.380 m nach nur einer Nacht auf 4.170 m doch nicht ohne ist. Aber es hat gut geklappt und auch die Nacht im Basislager verlief sehr gut.

Am Montag haben wir unsere Rucksäcke erneut gepackt und sind wieder ins Hochlager aufgestiegen. Der Plan war, am Dienstag ein wenig die Gegend zu erkunden, um am Mittwoch einen Gipfel anzugehen.
Obwohl das Wetter nicht optimal war, die Sicht betrug meistens nur ein paar Meter und die Orientierung war eine Herausforderung, war die Motivation so groß, dass wir immer weiter aufgestiegen sind. Am Nachmittag haben Aritza, Renzo und ich den höchsten Punkt des östlichen Teils im Coropuna-Massiv, den Coropuna Ost (6.320 m), erreicht.

Die Wettervorhersage für den Mittwoch war eigentlich recht schlecht, was uns jedoch nicht zurückgehalten hat. In der Früh lagen einige Zentimeter Schnee in unserem Lager und die Wolken ließen nichts Gutes erahnen. Doch es hat sich besser entwickelt als erhofft und so standen wir fünf gegen Mittag am Nordostgipfel des Coropuna (6.240 m). Die Abfahrt über Hänge, die wahrscheinlich noch nie mit Skiern befahren wurden, war traumhaft.

Gestern haben wir unser Hochlager abgebaut, und mit bis zu 35 kg schweren Rucksäcken sind wir abgestiegen, um dann nach Cotahuasi zu fahren, wo wir uns mit frischen Lebensmitteln eingedeckt haben, eine heiße Dusche und eine Nacht in Betten genießen durften.

Heute fahren wir wieder zum Coropuna, unser neues Basislager wird auf 5.200 m entstehen. Die kommenden Tage verbringen wir mit dem Auskundschaften des besten Weges zum Gipfel, und vor allem der besten Abfahrtsroute herunter, um dann am Dienstag die perfekte Abstieg vom 6.425 auf Null Meter machen zu können…

[geschrieben von Stefan]

 

En español [escrito por Aldo]:

Nuestro Proyecto „6425 ² ZERO“ empieza en Arequipa, la segunda ciudad más grande de Perú.

Stefan Fritsche y yo queremos en solo un día, si el Apu nos lo permite desde el amanecer hasta el atardecer bajar los 6425 metros del Coropuna con los esquies, a pie y finalmente en bicicleta más de 200 kilómetros hasta la costa del Pacífico, si quieres información mas detallada entra a: zero.derBerg.at.

Gracias al DAV Summit Club, Carlos (mi hermano quien también toma parte de este proyecto y yo) pudimos aclimatarnos de forma exitosa guiando las ultimas dos semanas un Trekking en el Cañon del Colca y luego de eso el Misti y Chachani.

El 03 de mayo terminamos exitosamente nuestro guiado y regresamos a Arequipa. Para tomar contacto con los demás miembros de nuestro próximo gran Proyecto!

Hoy 04 de mayo nos pudimos reunir finalmente todos los miembros de nuestra expedición, así Stefan, Aritza, Renzo, Carlos y yo hicimos las ultimas compras para en la tarde salir hacia Majes donde pasaremos la noche.

Aquí nos puedes seguiren Instagram y Facebook.

También puedes seguir el reporte en alemán de Stefan: Facebook

Start des Projekts 6425 ² ZERO

In Arequipa, der zweitgrößten Stadt Perus, beginnt unser Projekt „6425 ² ZERO„.

Aldo Guerrero und ich wollen an einem Tag, wünschenswerterweise zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang, mit den Skiern vom 6.425 m hohen Nevado Coropuna abfahren, zu Fuß weiter zu unseren Bikes um anschließend ca. 200 km zur Pazifikküste zu fahren.
Genauere Informationen gibt es unter zero.derBerg.at.

Ich bin gestern in Arequipa angekommen, leider ist die Hälfte meiner Ausrüstung unterwegs verloren gegangen. Darunter auch die Skier und die komplette Sicherheitsausrüstung. Aber ich bin zuversichtlich, dass alles nachgeliefert wird, und mit ein bisschen Glück können wir morgen wie geplant starten.

Heute Nachmittag kommen auch Aldo und unsere beiden Unterstützer Carlos und Aritza hier an und die Vorbereitungen können beginnen. Wir halten euch hier, auf Instagram und Facebook auf dem Laufenden.
Auf seiner Facebook-Seite berichtet Aldo auf spanisch.

Nicht persönlich vor Ort, aber sehr wichtig für diese Unternehmung sind unsere Sponsoren:

  • DAV Summit Club: Auf seiner Facebook-Seite und unter „Aktuelles“ auf seiner Website berichtet auch der DAV Summit Club über „6425 ² ZERO“
  • Rab: Der britische Bergsport-Ausrüster unterstützt uns mit der perfekten Ausrüstung für dieses Projekt
  • Andes Outdoors: Dieser Outdoor-Laden in Lima ist DIE Adresse in Peru, wenn es um Bersportausrüstung geht. Von Andes Outdoors werden wir mit Produkten von Edelweiss ausgestattet.

 

Fiordo de las Montañas – Wellen, Wind und Gletscher

Der zweite Start mit dem Kajak, das Ziel: der Fiordo de las Montañas.
Uns erwarteten spektakuläre Gletscher die direkt ins Meer kalben, wilde, einsame Natur und – selbstredend – äußerst anspruchsvolles Wetter. Patagonien hat sich auch diesmal von seiner wahren, harten und ungeschönten Seite gezeigt. Es waren 18 oft harte  und intensive Tage, definitiv eine unvergessliche Erfahrung…

Fahrt in den Fiordo de las Montañas

Am 22. Jänner starteten wir zum zweiten Mal in Puerto Natales und fuhren zu Soto, dem Fischer, bei dem wir schon letztes Mal das Auto abgestellt hatten. Am Nachmittag stiegen wir in unsere mit Essen und Ausrüstung vollgefüllten Kajaks. Den ersten Teil der Strecke kannten wir ja schon, unsere Motivation lag bei mehr als 100 Prozent und das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite.

Das Problem bei einer Fahrt in den äußersten Westen Patagoniens ist, dass man dem schlechten Wetter entgegen fährt. Und die von Nord nach Süd verlaufenden Gebirge sorgen auch dafür, dass es sich hartnäckig in unserem Zielgebiet hält. Hinzu kommt, dass Wind, Regen und Wolken in den Fjorden und Tälern kanalisiert werden und dort dem paddelnden Volk (also Lars und mir) das Leben schwer machen.
Vor der Ankunft im Fiordo de las Montañas haben uns Böen mit weit über 70 km/h zum stundenlangen Warten und einem frühzeitigen Camp gezwungen. Am vierten Paddeltag konnten wir uns schließlich gegen den Wind in den 60 km langen und nur 1,5 km breiten Fjord kämpfen. Wir wurden mit wunderbaren Ausblicken auf vereiste, weiße Gipfel, steile Gletscherbrüche, versteckte Seen, tolle Ausblicke über die Landschaft und einem niederschlagsfreiem (!) Spätnachmittag belohnt.
Sein wahres Gesicht hat uns Patagonien am nächsten Vormittag wieder gezeigt. Trotz Regen haben wir am Nachmittag unsere Sachen gepackt und sind weiter in den Norden gefahren.

Die Westküste des Fiordo de las Montañas ist steil und felsig, über ihm thront die Cordillera Sarmiento mit vielen noch unbestiegenen Gipfeln. Sechs Gletscherzungen kalben direkt ins Meer, weiter oben brechen gigantische Eismassen über senkrechte Felswände. Auf der östlichen Seite des Fjords ist die Landschaft ein wenig flacher, über Lagunen und oft schneebedecken Felsrücken ragt das steile Felsmassiv Grupo de la Paz, das den Vergleich mit den Drei Zinnen nicht scheuen muss. Es gibt keine Siedlung oder Behausung in dieser Gegend, das unwirtliche Wetter, die raue Landschaft und die Abgeschiedenheit hält Menschen erfolgreich davon ab, länger als nötig zu bleiben. Zudem ist die Küste entweder so steil, dass ein Anlanden unmöglich ist, oder die Vegetation so dicht, dass man kaum weiter als zum Beginn des dornigen Bewuchses kommt.
Gelegentlich verirrt sich in der Hochsaison ein Touristenboot in den Fjord, richtig nah an die Gletscher kommt man jedoch nur mit Kajaks, da die Zugänge dorthin zu seicht für größere Boote sind. Glück hat, wer ohnehin im Kajak reist.

Spektakuläre Gletscher

Der erste Gletscher, an dessen Fuß wir unser Camp aufgeschlagen haben, war der Ventisquero Zamudio. Wir sind zwischen kleinen Eisbergen zum beeindruckenden Gletschertor gepaddelt, und sogar die Sonne hat ein paar Minuten Licht für Foto- und Filmaufnahmen gespendet. Am nächsten Gletscher, dem Ventisquero Bernal, hatten wir noch mehr Glück. Die Sonne zeigte sich für mehrere Stunden und der Wind hat sich brav zurückgehalten. Wir haben die Chance genützt und sind am Gletscher aufgestiegen, um die Zustiege zu den noch unbestiegenen Gipfeln der Cordillera Sarmiento zu erkunden. Dieser Gletscher ist einer von wenigen Zugängen in eine wilde und abweisende, jedoch faszinierende Bergwelt.

Eigentlich war es nicht wirklich überraschend, dass sich nach so viel Wetterglück die Sonne an den kommenden Tagen verzogen und dem Sturm Platz gemacht hat. Es ist ja schon anstrengend, wenn es ohne Unterlass regnet, wenn man bei jedem Klogang von Wind und Regen durchnässt wird und einfach keine Chance hat, irgendetwas zu trocknen. Auf der anderen Seite wird das Leben drastisch vereinfacht. Auf zweieinhalb Quadratmetern befindet sich alles, was man besitzt und für sein Leben braucht, man kann stundenlang seinen Gedanken freien Lauf lassen und hat endlich mal wieder ausreichend Zeit, Bücher zu lesen. Wenn der Regen für ein paar Minuten schwächer wird weiß man, dass die Zeit gekommen ist, dringende Geschäfte zu erledigen.
Und wenn sich dann zum ersten Mal wieder ein Sonnenstrahl zwischen den Wolken durchschiebt, spielen sich Szenen ab, die jeden Beobachter die geistige Gesundheit der Campbewohner anzweifeln lassen würde: Denn nach zeitgleichen „Sonneeee!!“-Schreien aus zwei Zelten werden Reißverschlüsse geöffnet, zwei Gestalten in nassen Jacken und Hosen spazieren singend und juchzend um die Zelte, schleppen Unmengen nasser Kleidung und Ausrüstung vors Zelt, nur um zwanzig Minuten später, beim wieder einsetzenden Regen, alles leise fluchend wieder ins Zelt zu räumen. Danach Stille, Regen, Wind, Brandung und die Geräusche von Gletschereis, das ins Wasser fällt…

Nach zwei Regen- und Sturm-Tagen im Zelt kam Lars‘ Geburtstag, der ganz anders verlaufen ist, als wir uns gedacht hatten. Gegen Mittag hörten wir ein kleines Boot auf dem Fjord, das dann auch den Weg zu unseren Zelten gefunden hat. Darin saßen Héctor, Camilo und Camilo – unsere Nachbarn, wie sich herausstellte. Ihr eigentliches Boot mit Schlafplätzen für neun Personen lag am Ende eines Nebenarmes auf der gegenüberliegenden Seite des Fjordes. Heuer ist das erste Jahr der Unternehmung »Patagonian Fjords Expeditions«, die das Ziel hat, Touristen in den Fiordo de las Montañas zu bringen um dort wandernd und mit Boot diesen einsamen Teil Patagoniens kennenzulernen.

Héctor, seines Zeichens Gründer und Chef von »Patagonian Fjords Expeditions«, erzählte uns, dass die nächste Gruppe erst in ein paar Wochen kommen würde und weil er bewundere, dass wir mit Kajak und Zelt unterwegs seien, lud er uns ein, mit aufs Boot zu kommen. Obwohl das Leben im Zelt schon sehr toll ist, klang die Aussicht auf einen beheizten, trockenen Raum, in dem man sich auch bei Regen und Sturm aufrecht bewegen kann, schon sehr verlockend und wir entschieden, Lars‘ Geburtstag bei und mit Héctor und den beiden Camilos zu feiern.
Am Boot angekommen holte ich zwei Dosen Fohrenburger-Bier aus meinem Kajak und wir stießen erstmal Lars‘ nächstes Lebensjahr an. [Unglaublich aber wahr, der Supermarkt Colo-Colo an der Simón Bolívar in Puerto Natales verkauft das Vorarlberg Bier in 500 ml Dosen. Als ich es gesehen habe dachte ich zuerst, es wäre eine Halluzination, hervorgerufen durch fragwürdige Inhaltsstoffe im Cerveza Austral oder anderem lokalem Bier, mit dem wir den Durst nach der ersten Kajak-Reise gelöscht hatten…]

Vom Nebenarm des Fjords, in dem Héctor sein Basislager-Boot stationiert hat, gibt es eine Möglichkeit über Land und durch einen See in den Estero Resi zu kommen, was eine Abkürzung nach Puerto Natales darstellen würde. Ob es auch möglich ist, die Kajaks ein paar Kilometer zu schleppen um Paddelstrecke zu sparen und Zeit im Fjord zu gewinnen, wollten wir am kommenden Tag herausfinden. Héctor bringt seine Kunden auf diesem Weg in den Fiordo de las Montañas und zeigte uns den Pfad, der früher von der indigenen Bevölkerung benutzt wurde. Leider mussten wir feststellen, dass es mit dem vielen Gepäck und den langen Kajaks wenig sinnvoll ist, diese Abkürzung zu nutzen.

So verbrachten wir eine zweite Nacht auf Héctors Boot und ließen uns am folgenden Tag sogar noch ein paar Kilometer gegen Sturm und Wellen weiter in den Norden des Fjords bringen. Dort bedankten wir uns herzlich für die wunderbare Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft und schauten dem im Regen davonfahrenden Boot hinterher.

Zurück in die Zivilisation

Wir waren ein wenig perplex ob der vorangegangenen zwei Tage, ob der unerwarteten Begegnung und den Annehmlichkeiten, die wir erfahren haben, nun schon das zweite Mal auf dieser Kajak-Reise in dieser eigentlich so menschenleeren Gegend. Auch waren wir beeindruckt von der Freundlichkeit und selbstverständlichen Gastfreundschaft, die uns wieder entgegengebracht wurde. Diesen Gedanken und Gefühlen nachsinnend sind wir zum nächsten Gletscher gefahren, bei dem wir das wohl tollste und spektakulärste Camp der gesamten Tour aufbauen konnten. In einer geschützten Mulde auf einer Endmoräne, nur wenige Meter von der steil abbrechenden Gletscherzunge entfernt war genug Platz für Zelte und Kajaks, der Gletscher knackte und brummte laut und immer wieder brachen riesige Eisblöcke ins Wasser neben unserer kleinen Halbinsel. Der erste Mini-Tsunami ließ uns sofort zu den noch nicht gesicherten Kajaks rennen, um zu verhindern, dass sie in den Fjord hinausgespült werden. Den restlichen Tag verbrachten wir paddelnd unterhalb des Ventisquero Paredes, von dem zwei imposante Gletscherzungen ins Meer kalben.

Langsam wurde es Zeit, an die Rückreise in die Zivilisation zu denken, denn die Essensvorräte waren schon stark dezimiert und für die Strecke zurück mussten wir fünf Paddeltage einplanen, Sturmtage im Zelt nicht mitgerechnet. Also ging es wieder in den Süden. Wir gönnten uns noch einen Tag bei der Gletscherzunge des Ventisquero Hermann, dessen Eis am Ende eines 3,5 km langen Seitenarms des Fjordes, zwischen senkrechte Felswände gequetscht, ins Salzwasser bricht. Die restlichen Tage zur Bahía Talcahuano verliefen wie gewohnt, viel Regen und Wind, jedoch auch Phasen mit richtig ruhigem Wetter, bei dem wir ordentlich Strecke machen konnten.

Nach 200 km im Kajak seit unserem Aufbruch vor 18 Tagen kamen wir wieder beim Haus unseres Fischer-Freundes Soto an, der uns – wie bei unserer letzten Rückkehr – auf Kaffee und Butterbrote einlud. Anschließend luden wir unser Gepäck in und die Kajaks auf den Bus, und los ging die Fahrt nach zur Fähre nach Puerto Natales. Wir hatten Glück und konnten nach einer kurzen Wartezeit übersetzen.

Puerto Natales und zurück in die Heimat

Was für ein Kontrast, wieder in der Zivilisation zu sein. Trockene Kleidung, Schutz vor Wind und Regen, Licht, Strom aus der Dose, Toiletten, heiße Duschen und richtiges Essen im Überfluss. Wie leicht das Leben doch sein kann – und wie schnell man die einfachen und manchmal beschwerlichen Verhältnisse in der Natur vergisst und zwischendurch auch sehr vermisst.

Es folgten ein paar Tage mit organisatorischen Tätigkeiten wie Ausrüstung trocknen, warten und verpacken, sowie der Planung des Trips zurück nach Uruguay. Diesmal wählten wir eine Route, die größtenteils entlang der Atlantikküste verlief, mit wunderbaren Abenden am Meer und viel Pampa, Pampa, Pampa. In Uruguay standen dann Reparaturarbeiten an den Kajaks und am Auto an, und das Gepäck musste wieder in den Reisetaschen verstaut werden. Ende Februar ging dann Lars‘ Flieger nach Brasilien und mein Flug nach Europa. Irgendwie hat es geklappt meine diesmal nur 73 kg Gepäck an Board zu bekommen, und nach zwei Tagen und zwei Nächten auf Flughäfen und in Flugzeugen bin ich wieder in meinen eigenen 33 m² in Nüziders angekommen.

 

So ging eine tolle Reise zu Ende, eine Reise mit vielen sehr starken Eindrücken, vielen freudigen Situationen, einigen Kämpfen mit der sehr eigensinnigen und entschlossenen Natur und auch ein paar frustrierenden Momenten. Patagonien ist seinem Ruf gerecht geworden und hat definitiv Lust auf Mehr gemacht. Wir waren insgesamt 31 Tage mit den Kajaks und am Berg unterwegs, davon haben wir ca. eine Woche bei Schlechtwetter im Zelt verbracht. Gepaddelt sind wir 325 km, größtenteils bei schlechtem Wetter und Gegenwind, die Anzahl der Sonnenstunden dürfte nur knapp zweistellig gewesen sein.

Die Eindrücke von Natur, Meer, Gletschern und Bergen werden noch lange nachwirken, der Wunsch, wieder in diese Gegend zurückzukehren ist sehr groß.
Auf der einen Seite ist es der Monte Burney, der mich sehr reizt: Technisch wahrscheinlich nicht allzu schwierig, jedoch ist die Besteigung dieses Berges auf einer neuen Route von einer Seite, an der wahrscheinlich noch kein Mensch unterwegs war, sehr verlockend. Es sind der anspruchsvolle Weg zum Berg, das Suchen einer Route, das unbarmherzige Wetter und der unberechenbare Wind, die einen Besteigungsversuch zu einem Abenteuer macht, wie es die Entdecker vor 70 oder 80 Jahren erlebt haben.

Die Cordillera Sarmiento ist ein anderes, sehr lockendes Expeditionsziel für zukünftige Projekte. Technisch anspruchsvoll, von der Küste bis zum Gipfel. Steiles Eis, gigantische Gletscher und äußerst forderndes Wetter. Ich denke, an diesen Bergen kann man Patagonien zu 150 Prozent erfahren.

Viele, viele Patagonien-Pläne spuken in meinem Kopf herum, doch als nächstes geht es nach Peru, und es ist an der Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen…
Weitere Infos zum nächsten Projekt 6425²ZERO: zero.derBERG.at

Herzlichen Dank unseren Partnern:

Rab_Lock-Up_01
Lettmann
Lowe alpine
Merino&More_500px
ZEAL Optics

Und einen ganz besonderen Dank all den Menschen, die uns unterstützt haben:

Edu Koch
John Shipton
Helene Fritsche
Soto Juan Moises
Héctor (Chino) Díaz
Camilo Javier Silva Vega
Camilo Gesell
Victor Vargas
Nono, Jan & Meyer
José Varga Guerrero
Fernando Viveros
Heinz und Silvia vom Paraíso Suizo
Felix & Timo
und vielen mehr…

Patagonische Umstände

[Dieser Beitrag ist am 21. Jänner 2018 entstanden, konnte aber erst nach der Rückkehr vom zweiten Teil unserer Tour veröffentlicht werden. Er beschreibt die erste Reise unseres Kajak-Berg-Trips, vom 4. bis zum 17. Jänner 2018]

Patagonien weit abseits der bekannten Routen, mit Kajak und Steigeisen, ohne Unterstützung von außen, das war und ist unser Plan. Dass uns eine Unterbrechung aufgezwungen wird kommt unerwartet, wie es so weit gekommen ist, hier:

Am 4. Jänner sind wir mit unseren Kajaks in der Bahía Talcahuano gestartet. Essen für 5 Wochen, sowie sämtliche Ausrüstung für Berg und Wasser, waren im und auf den Kajaks verstaut. Ich brachte es auf satte 77 kg, plus Kajak, plus Stefan.

Der erste Tag hat vielversprechend angefangen. Wenig Wind, kaum Regen und ruhiges Wasser. Gegen Abend wunderten wir uns über lautes Gebrüll und bald sahen wir einen Felsen, auf dem sich jede Menge Robben ausgeruht haben. Natürlich konnten wir nicht daran vorbei und sind stehen geblieben, um uns die Tiere genauer anzuschauen und alles auf Foto und Film festzuhalten. Später zogen zwei Kondore über uns ihre Kreise und auch Delphine sind vorbeigekommen. Was für ein perfekter Start für unseren Trip.

Es folgten drei Tage mit abwechslungsreichem Wetter, Sturm, Regen, aber gelegentlich auch perfekte Bedingungen. So herrschte bei der Ankunft im Ancón sin Salida, dem Ausgangspunkt für unsere Route auf den Monte Burney sogar Windstille. Der Berg hat sich gleich in seiner vollen Mächtigkeit gezeigt und uns für den Aufstieg sehr optimistisch gestimmt.

Doch der nächste Tag hat uns dann das wahre Gesicht der Península Muñoz Gamero gezeigt, bei Dauerregen mussten wir den kompletten Tag im Zelt ausharren.

Dann ging es los. Erst galt es, einen Weg durch den dichten, 800 m breiten Waldstreifen hinter der Küste zu schlagen. Das hat einen vollen Tag gedauert, den darauffolgenden sind wir mit schwerem Rucksack und Essen für eine Woche Richtung Monte Burney gestartet. Hinter dem Waldstück befindet sich eine oft sehr sumpfige Graslandschaft, die uns relativ problemlos Strecke machen ließ.

Irgendwann kam dann der Zeitpunkt, ab dem (fast) alles schiefgelaufen ist. Zuerst ist Lars unfreiwillig bis zum Bauch in einem Bach gelandet, dann sind wir auf einen tiefen, steilen und sehr dicht bewaldeten Graben gestoßen, der uns veranlasst hat, unser Camp früher als geplant aufzuschlagen. Schließlich haben wir durch ein Missgeschick auch noch die Hälfte unseres Brennstoffes verloren. Der Wetterbericht, der uns aufs Satellitentelefon geschickt wurde, konnte uns nicht positiver stimmen, denn es wurde starker Wind und Regen vorhergesagt. Definitiv nicht das, was man sich für die erste Begehung einer neuen Route an einem äußerst exponiert stehenden, patagonischen Berg wünschen würde.

Die Entscheidung über die weitere Vorgehensweise viel uns gar nicht leicht. Einerseits war das Wetter noch recht gut, das angestrebte Basislager am Berg nicht mehr allzu weit entfernt, andererseits sprach der Wetterbericht und die eingeschränkten Kochmöglichkeiten klar gegen ein Weitergehen. De Wahrscheinlichkeit, dass wir für ein paar Tage am Berg festsitzen, ohne Brennstoff und damit der Möglichkeit beraubt, Eis zu schmelzen und essen zu kochen, war recht hoch und nicht gerade verlockend. Deshalb wurde der Rucksack nur leicht gepackt und mit der Absicht, den Weiterweg zum Berg zu erkunden, um bei unserer Rückfahrt vom Fiordo de las Montañas in zwei Wochen noch einmal einen Versuch wagen zu können.

So sind wir gut vorangekommen, haben am Nachmittag wie geplant umgedreht, um es bis zum Abend noch an die Küste zu schaffen. Dort sind wir dann spät bei strömendem Regen und steifem Wind angekommen. Genau dieses Wetter hat sich dann in den kommenden Tagen nicht geändert. Aber langsam gewöhnten wir uns schon fast daran, dass alles feucht ist und man patschnass wird, wenn man mal aufs Klo, oder Wasser fürs Essen holen muss.

Am Vormittag des dritten Schlechtwettertages hat dann zumindest der Regen ein wenig nachgelassen und wir haben die Chance ergriffen, um einen Ausgang aus dem Ancón sin Salida zu finden. Es war ein hartes Stück Arbeit, um gegen den Wind und die hohen Wellen anzukommen. Am Abend haben wir ein tolles Camp gefunden, in einer schönen, windgeschützten Bucht, neben einem kleinen, einen halben Meter unterhalb von uns fließendem Bächlein, und hoch genug, um vor der nächtlichen Flut sicher zu sein.

Mit Vorfreude auf zehn Tage im faszinierenden Fiordo de las Montañas und, bei annehmbarer Wetterprognose, Aussicht auf eine Rückkehr zum Monte Burney, haben wir unser Abendessen gekocht.

Es war kurz nach ein Uhr nachts, als Lars laut meinen Namen schrie und mir mitteilte, dass unser Camp unter Wasser stehe. Erst da merkte ich, dass auch mein Zelt im Wasser stand, im Gegensatz zu Lars aber noch kaum Wasser eingedrungen war. 15 cm hoch reichte der Bach, in dem das Zelt nun stand, nur zwei Fingerbreit unterhalb des Reißverschlusses hörte das Wasser auf. Rasch packte ich alles in Drybags und zwängte mich in meinen zumindest innen noch ziemlich trockenen Trockenanzug, der im Vorzelt schwamm. Lars hatte schon begonnen, seine Habseligkeiten auf die Mooshügel des Hanges neben dem Camp zu schaffen.

Eine halbe Stunde später saßen wir durchnässt und unbequem auf Moosbuckeln, aber zumindest in meinem Zelt, und dadurch vom Dauerregen geschützt. Schlotternd warteten wir auf den Morgen.

Wie konnte das geschehen? Das haben wir uns auch lange gefragt, denn natürlich waren wir vorsichtig und uns der Gefahren von Flut, und dem sich dabei rückstauenden Bächlein bewusst. Wir dachten, den Platz entsprechend sicher ausgewählt zu haben, was aber nicht der Fall war. Später am Tag haben wir erst gesehen, wieviel es in der Nacht geregnet hat, überall rannen Bäche über die Felsen hinunter, wo am Vortag noch kein Wasser war. Dieses Wasser hat unseren Bach stark ansteigen lassen, und in Verbindung mit der Flut ist sein Pegel soweit gestiegen, dass unser Camp 20 cm unter Wasser stand. Die komplette Grasfläche war überschwemmt.

Nachdem wir uns mit Tee, Kaffee und einer doppelten Portion Müsli wieder einigermaßen aufgewärmt hatten, packten wir unsere Sachen ins Kajak und sind losgefahren.

Meinen Daunenschlafsack konnte ich rechtzeitig in einen Drybag retten, Lars hatte da weniger Glück da seiner bereits im Wasser lag, als er aufwachte. An eine Fortsetzung unserer Tour war nicht mehr zu denken, denn ohne wärmenden Schlafsack hat man in den verregneten, stürmischen und kalten patagonischen Fjorden, wo die Gletscher bis ins Meer reichen, schlechte Karten. Unsere Kalkulation ergab, dass, wenn wir es mit Vollgas, wenig Pausen, Wetterglück und wenig Gegenwind paddelten, in zwei Tagen bis zum Auto in der Bahía Talcahuano schaffen könnten. Also los.

Am späten Nachmittag haben wir ein Fischerboot gesehen, das in einer Bucht vor Anker lag. Die Besatzung, bestehend aus Noldo, Vicor, Jan und Meyer, hat uns freundlicherweise erlaubt, an Board zu kommen, um ein paar unserer Sachen zu trocknen. Die Wärme aus dem kleinen Ofen war traumhaft, und die Fischer eine wunderbare Gesellschaft, von denen wir viel über die Gegend und die Lebensumstände in den stürmischen patagonischen Fjorden erfahren konnten. So lagen bald unsere Snacks für die kommenden Tage am Tisch, später wurden wir zum Abendessen eingeladen, und bald hat es auch unsere bis jetzt aufgesparte Flasche Whiskey aus dem Kajak und auf den Tisch der Kajüte geschafft. Auch für die Nacht wurde uns ein Platz zugewiesen, den wir dankbar in Anspruch nahmen.

Am nächsten Tag durften wir auch noch ein paar Kilometer mit Richtung Puerto Natales fahren, und am Abend haben wir mit dem Kajak die Bahía Talcahuano erreicht. Soto, der Fischer, bei dem wir das Auto abgestellt hatten, hat uns herzlich begrüßt und gleich mit Kaffee und Butterbroten verwöhnt. Wir waren in erste Linie froh, dass wir sicher und gesund wieder zurückgekommen sind, auf der anderen Seite war es schon sehr schade, dass wir frühzeitig abbrechen mussten.

Aber, wir haben ja noch Zeit. Der Schlafsack kann getrocknet werden und Motivation ist auf jeden Fall noch jede Menge da. Wir hoffen, in wenigen Tagen wieder in die Bahía Talcahuano und zu Soto fahren zu können, um erneut in die abgelegenen Fjorde zwischen Pazifik und dem besiedelten Patagonien zu starten.

 

Gefangen in der Möbiusschleife der chilenischen Informationsbürokratie

Es trennen uns nur noch ein 900 m Meer und ein paar Kilometer Straße vom Startpunkt unserer Kajak-/Berg-Expedition in einer der abgelegeneren Regionen Patagoniens.

Von Puerto Natales wollen wir mit einer Autofähre auf die Península Antonio Varas übersetzen, dort noch einige Kilometer zur Bahía Talcahuano fahren, um von dort mit den Kajaks zu starten. Aufgrund der Estancias auf der Halbinsel, sollte es eigentlich kein Problem darstellen, hinüber zu kommen. Nur, an die Informationen zur Fähre, Fahrplänen und Kosten zu kommen, stellt sich als Herausforderung heraus. Erschwerend kommen noch die Feiertage um den Jahreswechsel und das Wochenende hinzu.

Península Antonio Varas

Es sind doch nur diese 900 m, die wir überwinden wollen…

Ich habe die Aufgabe übernommen, diese Infos zu besorgen. Gestern war das Büro an der Anlegestelle, die die wahrscheinlichste für die Überfahrt ist, wegen der Feiertage geschlossen, ein Zettel hat jedoch auf Öffnungszeiten heute Vormittag hingewiesen.
In der Früh startete ich ein weiteres Mal und bekam die Auskunft, dass dieses Unternehmen die Halbinsel gar nicht anfährt, die Informationsstelle der Stadtverwaltung wisse aber mehr. Nur, diese ist an diesem Samstag leider geschlossen. Also bin ich wieder in die Stadt, und hinein ins erstbeste Büro, das uns Touristen Reisen verkauft. Die Dame dort war auch sehr kompetent und wusste, dass die „Empresa 21 de Mayo“ diese Strecke fährt. Also hin zum Büro. Aber nein, die machen das nicht. Jedoch das Schiff das auf die Halbinsel fährt heißt Metalci und Informationen darüber gibt es am Hafen, so die beiden Damen vor Ort. Also wieder zurück zum Hafen, doch diese Info ließ sich dort einfach nicht finden.

Es ist allerdings naheliegend, dass die Armada de Chile, die chilenische Marine, wissen muss, welches Schiff wann wohin fährt und welche Möglichkeiten es gibt. Also zu ihrem Büro. Der nette Herr in Uniform erklärte mir, dass das Schiff „Yendagaya“ zur Península Antonio Varas fährt, und zwar irgendwann zwischen 8:00 und 17:00 Uhr, aber natürlich nur, wenn Wind und Wetter es zulassen.
Um sicher zu gehen, besuchte ich noch das nationale Touristeninformations-Büro, das überraschenderweise geöffnet war. Auch hier bekam ich eine Auskunft, schon wieder eine andere.

Der Vormittag war vorbei und dreieinhalb Stunden vergangen, gute 10 km bin ich durch die Stadt spaziert und gerannt, um Mittagspausen zuvorzukommen. Infos habe ich jetzt viele, jedoch wissen wir nicht viel mehr als bei unserer Ankunft.
Es zeichnet sich ab, dass die von uns angepeilte Anlegestelle die ist, von der irgendeine Fähre zu irgendwann einmal abfahren wird.

Daher sieht unsere Taktik wie folgt aus: Wir beschließen erstmal das alte Jahr, und im kommenden stellen wir uns an den Hafen und warten, bis uns jemand mitnimmt und wir zu unserem Startpunkt, der Bahía Talcahuano, fahren können.

Fast 4.000 km Straße nach Patagonien

Die Zeit vergeht wie im Fluge, wir sind auf unserem Road-Trip nach Puerto Natales, und pünktlich vor Silvester werden wir dort ankommen.

Das Auto, die Ausrüstung und die Kajaks sind in Uruguay auf Vordermann gebracht worden, eine halbe Tagesetappe im Bus und eine Überfahrt mit der Fähre haben uns nach Argentinien gebracht. Die Einreiseformalitäten fürs Auto hat uns noch einen knappen Tag aufgehalten, was auch kein Schaden ist, denn Buenos Aires ist nicht der schlechteste Ort, um einen vorweihnachtlichen Abend zu verbringen, auch ohne Christkindel-Markt.

Die letzten Tage im Bus waren sich ziemlich ähnlich: Fahren, fahren, fahren, Kaffee trinken, essen und einkaufen für die Expedition und die Fahrt. Zwischendurch führen wir wahnsinnig tiefsinnige Gespräche, singen Weihnachts- und Neujahrslieder und bleiben immer wieder stehen, um die tolle Landschaft auf Foto und Film festzuhalten.

So ungefähr ist auch Weihnachten verlaufen, das Festessen bestand aus Steak und Gemüse, dazu passend ein feiner argentinischer Rotwein. Unter dem Weihnachtsbaum haben dem Christkind gedankt, dass es unsere Drohne aus den Klauen des hier so gierigen Windes gerettet, und damit ermöglicht hat, sie weniger als einen Kilometer von uns entfernt landen zu können.

Die kommenden Tage bis Silvester sind wir noch unterwegs und mit letzten Vorbereitungen für fünf Wochen in der Wildnis beschäftigt. Nachdem wir das neue Jahr ordentlich empfangen haben, starten wir dann mit den Kajaks auf unsere Reise in die patagonische Berg- und Fjordwelt.

Wir wünschen euch alles Beste für die letzten Tage des alten, und einen guten Start ins neue Jahr!