Archiv des Autors: Stefan Fritsche

Über Stefan Fritsche

Filmemacher | Kameramann | Bergführer | Skiführer

Volcán San José (5.856 m)

Dass das Bergsteigen ein Auf und Ab sein kann, auch wenn es stets hinauf geht, durfte ich letzte Woche erfahren.

Vor genau einer Woche bin ich nach Baños Morales gefahren, einem verschlafenen Nest im Cajón del Maipo. Nach einer erholsamen Nacht auf angenehmen 1.830 m ging es am Sonntag in der Früh los. Der Anfang der Tour ist ein bisschen frustrierend, da die ersten sechs Kilometer problemlos mit dem Auto bewältigt werden könnten, wenn man denn eines hätte. Aber es hat auch ohne geklappt. Neben dem (natürlich unbewirteten) Refugio Plantat auf 3.130 m entstand mein erstes Lager, und die ersten Zweifel machten sich bei mir im Zelt breit. Platz war ja genug da.

Ich bin mir vorgekommen wie jemand, der noch nie in den Bergen war, ich hatte frische Blasen an den Füßen, die Schultern schmerzten vom viel zu schweren Rucksack und die Motivation weiter zu gehen war nicht allzu groß. Ich entschied, sollten es die lädierten Sohlen zulassen, am kommenden Tag noch ein paar hundert Meter aufzusteigen, eine weitere Nacht im Zelt zu verbringen, dann wieder nach Baños Morales abzusteigen, ein Teil des sinnlosen Gepäcks dort zu lassen (wer kommt auch auf die Idee, E-Reader, Stativ, drei Objektive und noch mehr so Zeugs am Berg zu brauchen??), einen Tag zu entspannen, und dann noch einmal aufzubrechen.

Doch der kommende Tag war dann doch anders. Beim Aufstehen war das Wetter gut, beim Morgen-Kaffee hat mir Carlos aus San Filipe Gesellschaft geleistet, und meine nachhaltige und radikale Blasen-Drainage hat besser funktioniert als erhofft. Vielleicht klappt es ja doch wie ursprünglich geplant? Zirka fünf Kilogramm unnützes Gepäck wurde in einer Felsspalte vergraben, mit Steinmännchen und GPS markiert und los ging es über Schotter, Schnee und durch schöne Büßereisfelder. Auf 4.350 m entstand mein zweites Camp. Bergsteigen kann schon auch Spaß machen. Dass mir ein von oben kommender Bergsteiger gesagt hat, dass das Wetter schlecht werden soll und ich der einzige auf dem Weg nach oben war konnte mir die Freude nicht nehmen.

Hier muss gesagt werden, dass der Volcán San José ein beliebter und vor allem von den vielen chilenischen Bergsteigern oft begangener Berg ist. Auf dem Normalweg technisch leicht, die einzigen Schwierigkeiten sind Höhe, die 4.000 Höhenmeter zwischen Startpunkt und Gipfel sowie Wind und Temperaturen. Ideal zum Akklimatisieren.

Am Dienstag war das Wetter bestens, der weitere Aufstieg durch schöne Büßereisfelder problemlos und das dritte Camp auf 4.930 m perfekt gelegen. Ich war zuversichtlich für die letzten 900 Höhenmeter am kommenden Tag. Um 4:30 Uhr läutete der Wecker das erste Mal, nach einem gemütlichen Tee und Nudelsuppen-Frühstück ging es um kurz nach 6 Uhr bei frischen -9 °C und im ersten Tageslicht los. Je höher ich kam, desto kälter wurde es und umso stärker der Wind. Besonders die letzten 300 Höhenmeter hatten es in sich. Nebel und Wolken haben die Sonne ferngehalten, die Luft ist auf -17 °C abgekühlt und der Wind war so stark, dass ich mich nur in Schräglage fortbewegen konnte und meine Finger trotz der wärmsten Handschuhe, die ich dabei hatte, langsam unangenehm kalt wurden. Am Kraterrand auf knapp über 5.800 m fühlte ich mich wie 8 Jahre zuvor, als ich an genau der Stelle umgedreht bin. Der Hauptgipfel liegt genau auf der anderen Seite des Kraters und nach einem kurzen Check (Füße: warm. Finger: geht. Nase: geht. Kopf: tut weh, aber gut) nahm ich die letzte Etappe in Angriff.

Der Wind hat in drei verschiedenen Stärken geblasen.
Stärke 1: die Grundstufe. Fortbewegung in Schräglage möglich.
Stärke 2: 20 bis 30 Sekunden andauernder sehr starker Wind. Fortbewegung nicht möglich.
Stärke 3: kurze Böen, die einen aus dem Stand um einige Meter versetzen. Ducken ist angesagt, und aufpassen, dass man nicht in de

n Krater oder nach Argentinien geblasen wird.

Kurz nach 10 Uhr, nach 4 Stunden Aufstieg, erreichte ich den Hauptgipfel und ich habe mich erstmal flach auf den Boden gelegt, um kurz durchatmen und meine Hände aufwärmen zu können. Dann auf, ein paar Fotos schießen und wieder zurück zum Zelt. Mehr an Gipfelrast war nicht möglich und auch nicht notwendig, denn mein Tee war eh schon zu Eis erstarrt.

So starker Wind hat auch seine Vorteile. Vor allem im Abstieg, wenn er dirket von vorne kommt. Für alle, die einmal in einer sochen Situation sind, hier ein kleiner Tipp: Am besten geht man wie ein Skispringer in die Abfahrtshockey, die Hände in den windgeschützten Bereich unter dem Rucksack, Oberkörper nach vorne, und schon müssen die Füße nur noch mit einem leichten Impuls abwechslungsweise nach vorne geschleudert werden. Das Gewicht von Oberkörper und Rucksack wird zur Gänze vom Wind getragen.

Trotz dieser wunderbaren Technik war ich ziemlich fertig, als ich beim Zelt angekommen bin. Schwer konnte ich mich motivieren Tee zu kochen und etwas zu essen. Doch ein bisschen Schlaf, eine halbe Packung Erdnüsse und ein Liter Tee haben mich wieder dazu motiviert, das Zelt zusammenzupacken und mich auf den Weg ins Tal zu machen.

Die vierte Nacht im Zelt war dann wieder beim Refugio Plantat, mit schönen Gedanken an Strand, Meer, gutes Essen und ein Bier bin ich eingeschlafen.
Am Vorabend hätte ich es für unmöglich gehalten, aber als ich am Morgen aufgewacht bin, war schon wieder die Lust auf weitere Berge da, obwohl ich diesen Berg noch nicht einmal ganz hinter mich gebracht hatte.

Aber der Abstieg nach Baños Morales sollte kein Problem sein. Ich bin einfach einem Muli-Treiber gefolgt, überzeugt davon, dass er einen besseren Weg hinunter kennt als ich. Als er dann gemütlich durch einen mittelgroßen Bach geritten ist und ich keine Lust auf Ausziehen und nasse Füße hatte, bin ich frei Schnauze auf meiner Seite des Bachs weitermarschiert. Irgendwann, wenige hundert Höhenmeter tiefer, stand ich dann da, links und rechts von mir inzwischen nicht mehr nur mittelgroße Bäche, nichts wo man sich an einer Querung versuchen möchte, und die Straße dahinter nur einen Katzensprung entfernt. Der abermalige Aufstieg und die Stunde Zeitverlust konnten meine Freude aber nicht trüben. Am frühen Nachmittag bin ich bei Ramón, dem Dueño vom „Tambo del Valle“ angekommen, er hat mir ein Gläschen Wein angeboten und für mich zwei Spiegeleier gekocht hat. Anschließend durfte ich eine schöne, warme Dusche genießen. Das restliche Baños Morales war wie ausgestorben, die einzigen anderen Touristen, zwei italienische Kletterer, haben mir versprochen, mich am folgenden Tag mit ins Tal zu nehmen. Der Abend wurde auch sehr gemütlich, Ramón hat mir wieder was Feines gekocht, gemeinsam haben wir fern gesehen und ein bisschen über die Berge palabert.

Gestern Mittag bin ich dann in Santiago angekommen und der Plan für die kommenden Tage ist auch schon gemacht: Churrasco, Completo, Lomo a lo pobre, Empanada und Pizza, dann Sand, Strand und Meer, denn am Pazifik war ich schon lange nicht mehr. Dort mache ich mir dann weitere Gedanke über die Berge.

Das Leben ist schön.

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In die Berge…

Santiago de ChileNun bin ich angekommen. Was die physische Komponente der Sache betrifft, eh schon seit ein paar Tagen, jetzt ist aber auch der Rest von mir eingetroffen.

Doch das Warten auf Vollständigkeit ist nicht der alleinige Grund, warum ich noch immer in Santiago sitze. Mein nächstes Ziel ist Baños Morales im Cajón del Maipo, von wo ich mich in die nahe gelegenen Bergen begeben möchte. Doch leider fahren die Busse tatsächlich nur samstags und sonntags in den schönen Ort. Die teure Alternative, ein Taxi, wollte ich mir nicht leisten, da doch lieber auf die Vollständigkeit warten. Ich habe ja Zeit, und auf einen oder zwei Tage kommt es noch nicht an.

Verpflegung für eine knappe Woche ist größtenteils eingekauft, am Abend wird noch Rucksack gepackt und morgen um sechs Uhr in der Früh geht es los. Ich veranschlage erstmal eine Woche, denn die Busse zurück fahren natürlich auch nur am Wochenende. Mal schauen was bis dahin passiert…

Nüziders-MUC-MAD-SCL

2014-12-01_Packen_02Wahrscheinlich kennt jeder diesen Moment vor einer Reise, wenn der Rucksack das erste Mal gepackt wurde, eh nur das Nötigste, wobei das Handgepäck schon 5 kg über dem Limit ist und man schließlich feststellen muss, dass die Waage trotzdem 4 kg zuviel anzeigt…

Das ist nun überstanden, ich bin zuversichtlich, dass ich Alles dabei habe und mein Gepäck trotzdem problemlos eingecheckt wird. Gleich geht es los, morgen um diese Zeit bin ich im Anflug auf Santiago de Chile.

Ich bin alleine unterwegs, was nicht ganz den ursprünglichen Plänen entspricht, nun aber so ist. Mich erwarten zwei Monate „America del Sur“, irgendwo zwischen Baños Morales in Chile und Quito in Ecuador, möglichst viel Zeit in den Bergen. Drei Programmpunkte gilt es zu berücksichtigen, das ist die Ankunft morgen in Santiago, Anfang Februar der Rückflug von Santiago, und irgendwann dazwischen eine Tour mit Chris in Ecuador. Ja, das klingt nach einem ziemlich vollen Terminkalender, aber mit meinem Geschick im Time-Management werde ich es schaffen, all diese Aktivitäten in die zwei Monate zu quetschen und dabei noch genug Zeit für ein Bierchen oder einen Pisco Sour zu haben.

Für interessierte werde ich gelegentlich ein paar Zeilen und Bilder auf diese Seite stellen, für nicht interessiert auch, die müssen sie jedoch nicht beachten.

Alsdenn, ich verabschiede mich mit einem spanischen Gruß aus steirischen Eichenwäldern, mit kaum wahrnehmbarem US-amerikanischen Akzent: „Hasta la vista, Baby!“, dazu noch ein vorarlbergerisches „, odr?“, um möglichst kosmopolitisch zu wirken…

America del Sur: One week to go…

In einer Woche geht es los. Südamerika, Chile, Ecuador …

Ich bin gespannt, ein bisschen unsicher, so kurz vor der Abreise klappt einiges nicht ganz so wie ich mir gewünscht hätte. Die letzte Reise dieser Art liegt bereits siebeneinhalb Jahre zurück. Ja, bitte nicht lachen, stimmt, ich war ja unterwegs. Aber das hier ist etwas anderes. Privat, keine genauen Pläne, alleine (?).

Eigentlich sollte ich letzte Erledigungen machen, mich vorbereiten, mir Gedanken machen. Was nehme ich mit? Wohin geht es genau? Aber es ist mir ein Anliegen, etwas von der Reise weitergeben zu können, etwas loswerden zu können. Deshalb dieser Blog. Und der muss erstellt werden und heute ist auch die Lust dazu gekommen.

Mehr wird folgen, am 1. Dezember startet der Flieger gen Osten…