Archiv des Autors: Stefan Fritsche

Über Stefan Fritsche

Filmemacher | Kameramann | Bergführer | Skiführer

Heli Sertig

Die Gravitation macht keine Fehler

Letzten Sonntag (9. Februar 2020) bin ich bei einem Eiskletterkurs in Sertig, Davos ca. 20 m abgestürzt, wobei ich mich unglaublicherweise nur an der Hand verletzt habe.

Wenn ein alpiner Unfall passiert, entstehen immer Fragen nach dem Wie und Warum. Es wird spekuliert, geredet, verdächtigt und verurteilt. Auch ich bin immer neugierig und will wissen, was wirklich passiert ist.
Es geht jedoch nicht nur um die Neugierde, sondern auch darum, aus einem solchen Ereignis zu lernen. Deshalb möchte ich hier von meinem Absturz berichten.

Am Sonntag war ich zusammen mit meinem Bergführerkollegen Tobias mit Teilnehmern von zwei Eiskletterkursen (Grundkurs und Fortgeschrittenenkurs) in Sertig, Davos, Schweiz. Nach dem Aufstieg zu den Eisfällen ging es darum, mehrere Toprope-Stände einzurichten. Wir wählten den breiten und nicht allzu steilen Eisfall rechts der Säule (von unten gesehen). Tobias hängte ein Seil in der linken Hälfte des Falls ein, ich wollte auf der rechten Seite hoch. Ich ließ mich von einem Teilnehmer sichern, den ich von einem anderen Kurs kannte und von dem ich wusste, dass er regelmäßig in der Senkrechten unterwegs und äußerst erfahren ist.

Ich verwendete ein 50 m Einfachseil, band mich mit doppeltem Bulinknoten ein und fragte währenddessen die 4 Teilnehmer meines Fortgeschrittenenkurses über die einzelnen Punkte des Partnerchecks aus. Klettergurte, Anseilknoten, Sicherungsgerät, Schrauber, Knoten im Seilende und – vor allem beim Eisklettern – genügend Eisschrauben und Standplatzmaterial am Gurt. Ich kontrollierte kurz Gurt, Sicherungsgerät und Schrauber des Sichernden und legte los. Um schneller voran zu kommen ging ich die ersten Meter über ein Schneefeld rechts des Eisfalles hinauf, dann weiter im Eis, das immer steiler wurde. Das Eis war perfekt und das Klettern machte richtig Spaß.
Oberhalb der dritten von mir gesetzten Eisschraube erreichte ich eine schon vorhandene Sanduhrschlinge, die ich als Sicherungspunkt für den ersten Toprope-Stand verwenden wollte. Einen halben Meter oberhalb dieser Schlinge bohrte ich eine weitere Eissanduhr, fädelte ein Stück Halbseil hindurch und verlängerte es mit einer Bandschlinge zur unteren Schlinge. Mein Kletterseil hängte ich in zwei Drei-Wege-Sicherheitskarabiner ein und ließ mich abseilen.

Darauf, wie viele Meter ich hinaufgeklettert war, hatte ich nicht geachtet. Es waren ja nur drei Eisschrauben, und allzu weit sah es von oben nicht aus. Dass das Seil zu kurz sein könnte, ging mir zu keinem Zeitpunkt durch den Kopf.
Beim (passiven) Abseilen hielt ich mich links der Falllinie, um einen weiteren Toprope-Stand für ein kürzeres Seil (das ich an meinem Gurt befestigt hatte) einzurichten. Die beiden Eisgeräte hielt ich in der Hand. Ich hatte einen guten Platz gefunden und bat den Sichernden, mich noch ein bisschen abzulassen.

Auf einmal hielt mich das Seil nicht mehr. Ich fiel nach unten. Nach zwei Metern Fall ging mir durch den Kopf, dass da wohl irgendwo zu viel Schlappseil gewesen sein muss, nach zwei weiteren Metern dachte ich, dass dies nicht der Grund sein kann, denn dann würde ich jetzt wieder im Seil hängen. Es ging weiter nach unten und ich musste einsehen, dass ich über den Eisfall abstürzte. Ungebremst. In mir entstand eine unendliche Wut. Darauf, dass ich abstürzte. Nach einem Wutschrei schlug ich am Eis knapp oberhalb des Einstiegs auf. Danach ging es weiter durch den steilen Schnee und ich kam zum Stehen. Außer möglichst steif zu bleiben, konnte ich während dem Sturz nichts machen.

Nachdem ich zum Stillstand gekommen war, hörte ich Tobi meinen Namen rufen. Ich antwortete mit einem immer noch zornigen „Ja!“. Ich war nicht wütend auf mich oder den Sichernden, sondern auf die Tatsache, dass ich abstürzen musste. In diesem Moment sah ich meinen Sturz als eine der sinnlosesten Dinge der Welt, dennoch war es gerade eben passiert.

Ich wusste, dass ich ganz schön weit heruntergefallen war und wagte es nicht, mich unnötig zu bewegen. Dass ich mich in einem Schockzustand befand und daher (noch) keine Schmerzen fühlte, war mir klar. Ich sah an mir hinunter und fühlte in mich hinein, um zu prüfen, ob etwas kaputt war. Arme und Beine spürte ich und ich konnte sie auch bewegen. Im Nacken fühlte ich einen leichten Schmerz, weshalb ich es nicht wagte, mich umzudrehen. Mein linker Ellbogen tat weh, doch ich konnte ihn ohne stärker werdende Schmerzen bewegen, was mich beruhigte. Ich fühlte meinen linken Daumen den Handschuh komplett ausfüllen und mir wurde klar, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Aber der Daumen war in diesem Moment nicht so wichtig.

Teilnehmer unseres Kurses, andere Eiskletterer und Tobi kamen zu mir und versorgten mich bestens. Rettungsdecke, Biwaksack, Daunenjacke und Fäustlinge. Mein nicht sehr schön aussehender Daumen wurde verbunden und ich auf weitere Verletzungen am Rumpf untersucht. Ich erlebte an mir selbst eine perfekte Umsetzung des Erste Hilfe Handbuches.

Es war klar, dass aufgrund der Sturzhöhe ein eigenständiger Abstieg zu riskant war. Wir wussten nicht sicher, ob die Wirbelsäule verletzt wurde oder ob es zu inneren Verletzungen gekommen ist. So wurde die Rega alarmiert und Flugretter und Notarzt bei mir abgesetzt. Die Punkte aus dem Erste Hilfe Handbuch wiederholten sich, das Ergebnis war dasselbe. Der Notarzt entschied, mich mit dem Bergedreieck ausfliegen zu lassen. Ich bedankte mich bei allen, die sich so vorbildlich um mich gekümmert hatten und wir flogen davon.

Nach der Zwischenlandung stieg ich eigenständig in den Hubschrauber ein und ging dann auch zu Fuß vom Helipad in den Behandlungsraum im Spital Davos. Dass dies möglich war, beruhigte mich weiter und ließ mich eher gespannt als beängstigt auf die Ergebnisse der kommenden Untersuchungen blicken. Daumen und Ellbogen wurden geröntgt, am Ellbogen wurde nichts Auffälliges gefunden. Beim Daumen sah es nicht so gut aus, weshalb noch ein CT gemacht wurde. Nachdem die Bilder fertig waren, empfahl mir Frau Dr. Tatjana Kaulitz, einen Handchirurgen aufzusuchen. Ich wurde entlassen und Tobias chauffierte mich zurück in die Heimat. Während der Fahrt informierte ich mich, wo ich am besten einen leistbaren Handchirurgen finden könnte.

Das Ergebnis meiner Recherche legte die Uniklinik in Innsbruck nahe. Ich rief an, mir wurde versichert, dass ich im Laufe der Woche operiert werden könne und ich fragte meine Mutter, ob sie Lust hätte, mich in die Tiroler Hauptstadt zu bringen.

Kurz vor 22:00 Uhr kamen wir dort an, ich meldete mich an, ging in die Ambulanz und hatte ein weiteres Mal Glück. Diensthabender Oberarzt war in dieser Nacht gerade Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Rohit Arora, Leiter der Handchirurgie. Er erklärte mir zwar, dass ich den Daumen ziemlich gründlich zerstört hätte, und dass das Daumenendgelenk wohl nie mehr so funktionieren würde wie vorher, aber er sagte mir auch, dass er den Finger gleich operieren könne. Kurz vor Mitternacht wurde er dann betäubt, ich landete im OP und es ging los. Eine halbe Stunde später hatte ich zwei Drähte und einen Fixateur externe im Daumen und der Unterarm war im Gips.

Die folgenden Tage waren wenig ereignisreich, am Donnerstag packte ich meine Sachen und fuhr mit dem Zug wieder nach Hause. Jetzt heißt es erstmal entspannen und den Knochen heilen lassen. In einem Monat kommt das Metall wieder raus und dann wird es hoffentlich nicht mehr allzu lange dauern, bis ich auch mit meiner linken Hand wieder Skistöcke, Eisgeräte, Klettergriffe und die Kamera halten und bedienen kann…

 

Was ist passiert?

Nachdem mein Sturz im Schnee endete und ich feststellen durfte, dass soweit alles in Ordnung war, wollte ich unbedingt wissen, was denn nun zu meinem Absturz geführt hatte. Viel ging mir durch den Kopf, aber nichts ergab Sinn. Seilriss? – Unmöglich. Anderes Materialversagen? – Auch nicht wahrscheinlich, denn es war alles doppelt abgesichert, so, wie es sein sollte. Ausbruch einer Eissanduhr? – Auch unmöglich. Der logische und einfachste Grund wollte mir nicht einfallen: Zu weit hinaufgeklettert und kein Knoten im Seilende. Eine Absturzursache, die leider viel zu oft vorkommt und die so leicht verhindert werden kann.

Beim Hinaufklettern hatte ich so viel Spaß an der Sache, dass ich nicht viel über die Länge des Seils nachdachte. Ich blickte gelegentlich nach unten, und wenn ich sah, dass die letzte Eisschraube schon ziemlich weit unter mir war, setzte ich eine neue. Als mein Ziel sah ich eine Eissanduhr-Schlinge, die solid aussah und mir das Bohren eines zweiten Sicherungspunktes ersparte. Als ich dort ankam, hatte ich drei Schrauben als Zwischensicherung gesetzt und ich verschwendete keinen Gedanken an die gekletterte Länge. Im Klettergarten ist man nach drei Expressschlingen maximal 10-12 m über dem Boden. Tatsächlich bin ich aber ca. 35 m hinaufgeklettert. So blieben mir nur noch 15 m Seil zum Abseilen. Das geht sich nicht aus, egal wie man es dreht. Das war der erste Fehler.

Der zweite Fehler war der nicht gemachte Knoten am Seilende.
Ich würde mich selbst schon eher als recht vorsichtigen und wenig leichtsinnigen Bergführer und Kletterer bezeichnen. Durch meine Arbeit als Bergführer bin ich sicher noch gewissenhafter geworden. Und gerade dieser eine Knoten wird von mir meist auch dann gemacht, wenn er eigentlich nicht notwendig wäre. Es ist keine Woche her, als ich mich dabei ertappte, wie ich einen Knoten in das Seilende eines 80 m Stricks machte, um dann in eine Route einzusteigen, die keine 20 m lang war. Aber – sicher ist sicher, der Knoten schadet nie.
So habe ich die Wichtigkeit des Knotens auch während dem Einbinden am Fuße des Eisfalls erwähnt, nur eben nicht gemacht. Als Bergführer ist es allein meine Verantwortung, diesen Knoten zu machen und zu kontrollieren, vor allem wenn ich Teil der Seilschaft bin.

Ich habe mich auch immer wieder gefragt, warum mir dieser Fehler passieren konnte. Denn meiner Meinung nach ist er nicht typisch für mich. Wahrscheinlich hat auch etwas anderes in meinem Kopf mitgespielt. Ich war noch ein wenig von einer Erkältung geschwächt, der ich nie die Zeit gegeben habe, komplett auszuheilen. Es ist Hochsaison und als Bergführer kann und will man sich von einer kleineren Krankheit nicht vom Arbeiten abhalten lassen. Denn kurzfristiger Ersatz kann in der Hochsaison nur selten gefunden werden, die Kunden will man nicht hängen lassen und das Geld, das in der Hochsaison nicht erarbeitet wird, lässt sich in der Nebensaison nicht einfach so nach-verdienen.

Als Bergführer muss man zu jedem Zeitpunkt 100 Prozent fit und konzentriert sein, denn viele Entscheidungen betreffen die Gesundheit und manchmal das Leben des Kunden und der eigenen Person. Leider lässt sich das nicht immer umsetzen – und Fehler passieren.

Es sind drei Dinge, über die ich unglaublich froh bin:

  • Es hat mich erwischt. Ich alleine muss mit den (körperlichen) Folgen meiner Fehler klarkommen. Viel schlimmer wäre, wenn eine/r meiner Kund*innen abgestürzt wäre.
  • Ich hatte eine freie Sturzbahn und bin mit niemandem am Fuße des Eisfalls zusammengestoßen. Von einem abstürzenden Stefan, der mit Steigeisen, Eisgeräten und Eisschrauben bewaffnet ist, sollte keine*r getroffen werden.
  • Die Sache ist sehr glimpflich ausgegangen. Nach einem solchen Sturz mit Aufprall am Eis muss man eigentlich mit schwereren Verletzungen rechnen. Auch der lange und steile Auslauf in recht weichem Schnee hat Schlimmeres verhindert.

 

Viele der hier gemachen Angaben zu meinem Absturz sind subjektiv. Die Sachen, die mir während und nach dem Absturz durch den Kopf gegangen sind, habe ich so geschildert, wie ich sie in Erinnerung habe. Es kann sein, dass das eine oder andere Detail von Außenstehenden anders wahrgenommen wurde.

Die Längen, die ich hier abgegeben habe, sind nicht mit dem Maßband abgemessen. Ich habe mit Tobias mehrfach darüber geredet und wir haben versucht, diese Längen so genau wie möglich herauszufinden. Tobias ist nach meinem Abtransport noch einmal hinaufgeklettert um die Eisschrauben und Standplätze abzubauen. Dabei konnte er die Höhen noch einmal genauer einschätzen. Weiters war neben dem Punkt, an dem ich einen zweiten Toprope-Stand einrichten wollte, ein knapp 50 m langes Seil von Tobias eingehängt, was die Schätzung der Sturzhöhe vereinfachte.

Die Angaben dürften daher recht gut passen, auf den Meter genau sind sie aber sicher nicht.

Positiv an diesem Unfall ist, dass ich sehr anschaulich demonstrieren konnte, wie wichtig der Knoten am Ende eines Kletterseils ist. Ich bin mir sicher, dass alle beteiligten – ich inklusive – in Zukunft noch mehr darauf achten werden, dass eben dieser Knoten auch gemacht wird.

Ich möchte mich herzlichst bei unseren Kunden, bei Tobi und bei allen Beteiligten am Eisfall für ihre Hilfe und ihr Verständnis danken. Weiters vielen Dank den Teams der Rega, des Spitals Davos, der Unfallambulanz der Uniklinik Innsbruck, dem Handteam in Innsbruck, das mich wieder zusammengeflickt hat, meiner Mama für die Taxidienste und meinen Freund*innen für die vielen Besserungswünsche!

Bis bald in den Bergen, am Fels und in der Boulderhalle!

Gipfelerfolg am Manaslu (8.163 m)

Am Vormittag des 26. September 2019 erreichten wir nach einem fünftägigen Aufstieg den Gipfel des 8.163 m hohen Manaslu.

Aufbruch zum Gipfel

Wie geplant starteten wir am 22. September nach dem Mittagessen Richtung Lager 1. Das gute Wetter sollte sich erst in ein paar Tagen einstellen, weshalb wir uns über die 15 cm Neuschnee und die vielen Wolken nicht wunderten. Der Weg zu unseren Zelten auf 5.600 m kannten wir inzwischen schon bestens, nach 3 Stunden waren wir am Ziel der ersten Etappe.

Wie gewohnt schneite es in der Nacht, doch am nächsten Morgen zeigte sich das Wetter von seiner besten Seite. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft am Manaslu vor zwei Wochen sahen wir die beeindruckenden Berge des Mansiri Himal.

Aufstieg ins Lager 4

Wider Erwarten ist auch in einer Höhe von 6.000 m gerade die Hitze das, was einen im Aufstieg am meisten Energie kostet. So war es auch bei unserer Etappe zum Lager 2. Wir waren fast durchwegs im Nebel unterwegs und die durchscheinende Sonne strahlte in einer mörderischen Intensität.

Der nächste Tag sollte erholsamer werden, die knapp 400 Höhenmeter zum Lager 3 brachen wir in drei Stunden hinter uns, genügend Zeit für ein bisschen Entspannung, gutes Hochlager-Essen und viel Flüssigkeit.

Ab jetzt wurde es ernst, denn Lager 3 war für uns der bislang höchste Punkt am Manaslu. Die beiden folgenden Tage versprachen anstrengend zu werden, doch wir waren für den weiteren Aufstieg bestens motiviert.

Früh am Morgen brachen wir von unserem Lager auf 6.720 m auf. Nach Erreichen eines Sattels wurde der Weg immer steiler, führte über eine kurze senkrechte Stelle zu einer Querung, die an einem weiteren Sattel endete, in dem unser Lager 4 (7.445 m) stand.

Nachdem wir unsere Zelte ein bisschen verbessert hatten (man will ja auch auf dieser Höhe gut gebettet sein) ging es ans Wasserschmelzen und Kochen. Ich dachte es wäre eine gute Idee, auf fast 7.500 m einen Lachs mit Nudeln zu Abend zu essen. Zur Absurdität des Höhenbergsteigen passt doch ein für hier absurdes Essen.
Ich kann leider nicht sagen, dass es besonders gemundet hat. Ob es nun an meinem Appetit, dem Lachs oder dem Koch der Fertigmahlzeit lag, weiß ich nicht.

Danach war Zeit fürs Bett – oder besser gesagt – den Schlafsack. Viel Schlaf war uns nicht gegönnt, denn der Wecker war auf 23:00 Uhr gestellt.

Zum Gipfel des Manaslu

Nach einem guten Frühstück bestehend aus Schüttelbrot, Frischkäse und Kaffee war es Zeit, sich in Daune einzupacken, in die Expeditionsschuhe zu schlüpfen, die Steigeisen anzuschnallen und den Rucksack zu schultern. Um 1:15 Uhr ging es los.

Wir waren bei weitem nicht die einzigen, die heute den Gipfel als Ziel hatten. Im Gegensatz zum größten Teil der anderen Bergsteiger waren wir jedoch ohne Unterstützung von Flaschensauerstoff unterwegs.

Der Weg führte uns erst über den angenehm geneigten Gletscher zu zwei Steilaufschwüngen. Mit milden -18 °C und kaum Wind hatten wir perfekte Bedingungen für den Aufstieg. Ohne zusätzlichen Sauerstoff spürten wir jeden Meter, den wir höher stiegen, was uns zunehmend einbremste. Das löste ein Problem, das mich schon seit Tagen beschäftigte. Mingma Sherpa, mit dem ich 2011 am Mount Everest unterwegs war, erzählte mir, dass er im Vorjahr mit seinen Kunden zweieinhalb Stunden knapp unterhalb des Gipfels warten musste, bis sie die letzten Meter angehen konnten.

Wir legten einige Pausen ein und irgendwann, noch ein gutes Stück vom Gipfel entfernt, kamen uns die Ersten entgegen, mit dem Gipfelerfolg im Gepäck und einer Sauerstoffmaske vor dem Gesicht. Nach 8,5 Stunden Aufstieg waren wir beim Rucksackdepot, nur wenige Meter unterhalb des Gipfels. Wir machten eine Pause und warteten auf die Langsameren in unserer Gruppe.

Um 10:50 Uhr standen wir, 4 Teilnehmer, die Hochträger Jangbu und Karma Sherpa und ich, am Gipfel auf 8.163 m. Glücklich machten wir Gipfelfotos und gratulierten uns gegenseitig zum Erfolg. Der Ausblick war eher bescheiden, leider versperrte uns Nebel die Sicht auf die Welt unter uns.

Nach einer kurzen Pause beim Rucksackdepot ging es wieder hinunter. Die zwei Stunden bis zum Lager 4 zogen sich. Die Sonne brennte unerbittlich auf den Gletscher und wurde vom Nebel reflektiert, was uns recht bald die Daunenjacken ausziehen ließ.

Wieder im Lager 4 angekommen galt es, Tee zu kochen, ein wenig zu essen und fehlenden Schlaf nachzuholen. Wir mussten wieder fit für den weiteren Abstieg am folgenden Tag werden.

Abstieg ins Basislager

Die Nacht auf 7.445 m war unerwartet erholsam und nach dem Frühstück ging es mit schweren Rucksäcken bergab. Bei jedem Lager, an dem wir vorbei kamen, wurden die Rucksäcke schwerer, da weitere Ausrüstung und Müll eingeladen werden musste. Der zusätzliche Sauerstoff in den Lungen konnte die zunehmende Last auf unseren Rücken leider nur fast ausgleichen. Nach 9 Stunden erreichten wir erschöpft und überglücklich das Basislager.

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Glücklich wieder zurück im Basislager nach einer anstrengenden, aber großartigen Zeit am Berg

Ein Teilnehmer unserer Gruppe fühlte sich am Gipfeltag nicht fit genug für den weiteren Aufstieg und blieb im Lager 4. Dort konnte er sich so gut erholen, dass ihm und dem Hochträger Mingma Tenji Sherpa am darauffolgenden Tag der Aufstieg zum Gipfel gelang. Wie wir stieg er nach einer weiteren Nacht im Lager 4 ins Basislager ab.

Ein weiterer Teilnehmer brach die Expedition bereits während der Akklimatisationsphase ab und reiste früher nach Hause.

Zurück in die Heimat

Nach einem entspannten Ruhetag im Basislager brachen wir unsere Zelte ab und stiegen nach Samagaon ab. Für den Teilnehmer, der den Gipfel einen Tag nach uns erreicht hat, gab es keinen Ruhetag. Er ging in einem Zug durch, vom Gipfel bis zum Ende des Trekkings in Soti. Starke Leistung!
Zwei Teilnehmer zogen eine Rückreise per Helikopter dem Trekking vor und verließen uns in Samagaon.

Eigentlich hätten wir uns noch viel Zeit für den Rückweg lassen können. Da am Manaslu alles so reibungslos funktioniert hat und sämtliche Wettergötter auf unserer Seite waren, konnten wir den Berg eine Woche vor dem geplanten Termin verlassen. Doch weil es uns wieder in Heimat zog brachten wir die 104 Trekkingkilometer von Samagaon nach Soti in vier Tagen hinter uns. Es folgten 8 Stunden Autofahrt nach Kathmandu, ein Debriefing beim Tourismusministerium und der vorverlegte Flug in die Heimat.

Eine grandiose Zeit, ein unvergessliches Erlebnis und knapp 6 Wochen mit unzähligen großartigen Eindrücken gingen zu Ende. Schön war’s!

Kommerz am Manaslu

Wir nutzten für unseren Aufstieg zum Gipfel das erste in dieser Herbstsaison mögliche Wetterfenster. Dementsprechend viele Menschen waren am Berg unterwegs. Heuer sollen 300 Kunden und Kundinnen den Manaslu versucht haben. Hinzu kommen Hochträger*innen, Köch*innen sowie Küchen- und Hilfspersonal. Die größte Agentur am Berg war mit 67 Kund*innen und 82 Hochträger*innen vertreten.

Am „Crampon Point“, dem Steigeisendepot, ab dem es am Gletscher weitergeht, beginnt ein Fixseil, das bis zum Lager 4 hinauf reicht. Nur auf wenigen Abschnitten gibt es kein Seil, in das man sich einhängen kann und das eine gewisse Sicherheit zumindest vortäuschen kann. Zwischen Lager 2 und 3 führen drei Aluleitern über tiefe Gletscherspalten. Beim Weg zum Gipfel sind alle steileren Passagen mit Seilen versichert, der Rest ist mäßig steiles und spaltenfreies Gelände. Ein Verirren ist auch ohne Fixseil kaum möglich, denn die Spur hat sich meist einen halben Meter tief in den Gletscher gefressen.

Das alles klingt wohl sehr nach Kommerz und Verkauf des Berges. Bilder von anderen hohen Bergen im Himalaya mit hunderte Meter langen Menschenschlagen kommen einem bei dieser Vorstellung unweigerlich in den Sinn. Und es gibt sie auch hier. An geschäftigen Tagen sieht man vor den Steilstufen, wie sich zahlreiche an Fixseilen aufgefädelte Bergsteiger*innen nur äußerst langsam vorwärts bewegen.

Das Fixseil hat der Normalroute eines so beliebten Berges eine Berechtigung, obwohl der selbstständige Alpinist wohl lieber „pur“ unterwegs sein würde. Der Auf- und Abstieg ohne diesem wäre deutlich anspruchsvoller und gefährlicher. Ein rasches Vorankommen und ein schneller Rückzug sind ohne Fixseil und ausgetretener Spur schwieriger, in gefährlichen Abschnitten müsste man sich meist deutlich länger aufhalten. Sowohl für Bergsteiger*innen als auch für die Hochträger*innen wäre es nur möglich, in Gletscherseilschaft unterwegs zu sein, was vor allem den Materialtransport erschweren würde.

Trotz der oben aufgezählten Nachteile des Höhenbergsteigens an beliebten Himalaya-Gipfeln ist und bleibt es ein großartiges Erlebnis, das ja nicht nur aus dem Gehen am Fixseil besteht. Es beginnt mit dem Anmarschtrekking in einer Zeit, in der die Pfade und Lodges nur von wenigern Trekker*innen bevölkert wird.
Das Leben im Basislager mit einem Komfort, der sich von dem gewohnten in den eigenen vier Wänden erheblich unterscheidet, hat einen besonderen Reiz. Dort zaubern Köch*innen mit ihren beschränkten Möglichkeiten jeden Tag aufs Neue bestes Essen auf die Tische. Hilfsbereite und außerordentlich starke Hochträger*innen sind am Berg mit Rucksäcken unterwegs, mit denen die meisten Expeditionsteilnehmer*innen wohl kaum den Gipfel eines 3.000ers erreichen würden.

Und nicht zuletzt sind da die vielen Bergsteiger*innen, die alle ein gemeinsames Ziel haben. Den höchsten Punkt eines imposanten Berges. Alle sind hoch motiviert und niemand weiß genau, was in den kommenden Wochen am Berg auf einen zukommen wird. Es ist eine Herausforderung für jede und jeden, egal ob schon 12 Achttausender im Gepäck sind oder hier am Gletscher neben dem Basislager das erste Mal mit Steigeisen gegangen wird. Egal, ob mit oder ohne Flaschensauerstoff. Egal, ob vor dem Lager 1 schon aufgegeben oder der Gipfel in Rekordzeit erreicht wird. Es ist ein Erlebnis und Abenteuer. Und das in einer unheimlich eindrücklichen und imposanten Natur, die man nicht nur spüren und hören kann, wenn nach Schneefall im Minutentakt Lawinen die nahe Südostwand des Naike Peaks hinunterdonnern.

Ich habe am Berg zwischen Teilnehmer*innen, Hochträger*innen und Bergführer*innen immer ein „Miteinander“ erlebt und gesehen, und kein „Gegeneinander“. Egal ob aus Mitteleuropa, Nepal, Südamerika, China, Russland, Iran oder den USA, es wird gegrüßt, geredet, Erfahrungen ausgetauscht und, wenn erforderlich, Hilfe angeboten. Ein solcher Gipfel kann nur mit der Unterstützung Anderer erreicht werden, nie im Alleingang.
Kleine Konflikte gibt es natürlich auch am Berg. Es wäre sehr verwunderlich, wenn die Unstimmigkeiten gerade an einem Ort ausblieben, an dem Höhenkopfschmerz, Wind, Kälte, Harndrang und Nervosität durchgeschlafene Nächte selten machen.

Bei meiner Bergführertätigkeit an den populäreren Gipfeln der West- und Ostalpen herrschen oft bedenklichere Zustände. Überfüllte Hütten, überteuertes und nicht unbedingt wohlschmeckendes Essen, stundenlanges Anstehen vor Seilbahnen und Bergsteigerschlangen auf einfachsten Normalwegen sind keine Seltenheit. Viel zu oft treffe ich Menschen auf anspruchsvollen Gletschertouren, die bislang höchstens beim Mixen von Gin Tonics Erfahrungen mit Eis gesammelt haben.

Die Verwendung von Flaschensauerstoff, das Gehen am Fixseil und die Inanspruchnahme der Hilfe von Hochträger*innen nehmen einer solchen Unternehmung zweifellos viel von ihrer Ernsthaftigkeit und schmälert auch den Erlebniswert des Höhenbergsteigens. Doch auch in den Alpen würde nur ein Bruchteil der Bergsteiger*innen die höchsten Gipfel erreichen, wenn sie nicht Seilbahnen, bewirtete Hütten, hochgeflogenes Essen, markierte Wege, Stahlseile und Leitern benützen würden. Wie sähen wohl Ortschaften wie Zermatt, Chamonix, Sölden oder Lech ohne Lifte und ohne Touristen aus?

Es ist leicht daheim zu sitzen und über Menschen und Zustände zu urteilen, von denen man denkt sie zu kennen, nur weil man sich den Bericht oder das Bild einer Momentaufnahme verkaufen hat lassen. Das Beste ist, selbst raus- und raufzugehen. Die Bergwelt ist grandios und die Natur überwältigend.

Erfolg und Misserfolg

Während den Aufstiegen zu den Lagern und zum Gipfel sind mir viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Natürlich auch Überlegung, wie ich mich nach dieser Expedition ohne erreichten Gipfel fühlen würde. Ja, das Umdrehen ist ein Teil des Bergsteigens, aber das Erreichen des höchsten Punktes auch. An den zwei von mir geführten 7.000er-Expeditionen mussten wir umdrehen, einmal aufgrund der hohen Lawinengefahr, das andere Mal wollten Wetter und Verhältnisse ganz und gar nicht mitspielen. Die Gründe können meist nicht beeinflusst werden, dennoch hat eine Abreise ohne den Gipfel erreicht zu haben schon einen leicht unschönen Beigeschmack.

Gerade für mich als Bergführer hat das Erreichen des höchsten Punktes eine große Bedeutung. Ich will für alle Teilnehmer*innen die besten Bedingungen schaffen, dass sie an ihrem Ziel – dem Gipfel – ankommen. Sicherheit und Gesundheit sind ohne Frage das oberste Gebot, aber gleich danach kommt der Gipfel.

Ein so hoher Berg ist für jeden Bergsteiger und jede Bergsteigerin eine große physische und psychische Herausforderung, Bergführer zu sein hilft diesbezüglich wenig. Es reicht eine kleine Erkältung, ein bisschen Durchfall, eine kleine Verletzung, ein kurzes Motivationstief, und schon sind die Chancen dahin. Auch wenn man bestens darauf vorbereitet ist und auf viel Erfahrung in hohen Bergen zurückgreifen kann. Es ist eben schon ein bisschen mehr, als am Wochenende schnell mit zwei Kunden am Seil auf den Mont Blanc zu steigen.

Als Bergführer fühle ich bei Expeditionen noch einen zusätzlichen Druck, denn der Erfolg der Teilnehmer hängt zu einem bestimmten Teil auch von meinem ab. Doch ich war ziemlich sicher, dass unsere Chancen gut stehen. Mein Jahr fing mit ja einem windstillen Gipfeltag am Aconcagua an, ging mit einem Erfolg am Elbrus weiter und brachte mich neben vielen Alpengipfeln auch auf einer neuen Route zum höchsten Punkt eines peruanischen 6.000ers…

Meine Freude über das Erreichen des Gipfels am Manaslu war wahrscheinlich größer als die der Teilnehmer. Denn ich durfte auch einen Teil dazu beitragen, dass sich andere Menschen einen großen Traum erfüllen konnten.

Kurz vor Mitternacht nach unserer Ankunft in Kathmandu setzte ich mich in die Hotelbar des Yak & Yeti, bestellte ein überteuertes Bier, stieß mit mir selbst an und freute mich ganz privat und leise über diese großartige Reise.

Auf dass viele Weitere folgen, am liebsten mit genauso starken und motivierten Kunden und Kundinnen, wie am Manaslu!

Erster Gipfelversuch 8.163 m

Die Akklimatisationsphase ist abgeschlossen und zwei Ruhetage haben uns ein bisschen Energie zurückgebracht. Morgen Sonntag starten wir zum Gipfel, den wir am Donnerstag erreichen wollen – wenn alles so klappt, wie geplant.

Vor einer knappen Woche sind wir zu unserer letzten Akklimatisationsrunde aufgebrochen. Die Wettervorhersage war zwar nicht perfekt, doch davon ließen wir uns nicht abhalten.

So ging es hinauf ins Lager 1 (5.600 m), am nächsten Tag für die erste Nacht ins Lager 2 auf 6.350 m. Auf dieser Route geht es schon richtig zur Sache. Dem oft nicht sehr vertrauenswürdigen Fixseil entlang führt der Weg teilweise auf Leitern über tiefe Gletscherspalten und hinauf über stellenweise senkrechte Gletscherabbrüche. Hier erfährt man, warum der Manaslu ist nicht als der einfachste, und auch nicht als der objektiv sicherste Achttauender bekannt ist.

Auf der Höhe des zweiten Hochlagers fühlten wir uns noch recht wohl, und trotz angekündigtem Schneefall verlebten wir die erste niederschlagsfreie Nacht am Berg. Dafür war sie mit -14 °C im Vorzelt recht kalt.

Am Mittwoch stiegen wir weiter auf. Das Wetter verschlechterte sich und bei stetigem Schneefall ging es über zwei weitere Steilstufen zum Lager 3 auf 6.720 m. Es waren zwar nur knapp 400 Höhenmeter, aber weil wir für diese Höhe noch nicht akklimatisiert waren und die Rucksäcke ein ordentliches Gewicht hatten, war es doch recht anstrengend. Nachdem wir unseren Hohträgern Mingma Tenji und Karma beim Aufbau der Zelte und – ganz wichtig – des Lokus geholfen hatten, entspannten wir in unseren Schlafsäcken und versuchten, die im Aufstieg verlorene Flüssigkeit wieder nachzufüllen.

Die kommende Nacht war mild und brachte neben 30 cm Neuschnee auch Kopfschmerzen mit sich. Kaffee, Schüttelbrot und Frischkäse machten uns aber wieder fit für den Abstieg ins Basislager. Den Alternativplan – noch ein paar Höhenmeter aufzusteigen und dann noch eine Nacht in Lager 3 zu verbringen – verwarfen wir, da noch keine Fixseile weiter hinauf führten und weil ein logistischer Fauxpas unser kulinarische Vielfalt am Berg vorerst sehr stark einschränkte. Anders ausgedrückt, wir hatten fast nichts mehr zum Essen.

Im Basislager wurden wir mit einem feinen Mittagessen empfangen, der Nachmittag brachte eine Dusche, Entspannung, Bier, Speck, Käse, Oliven, Knäckebrot und Rotwein mit sich, und in der Nacht wurde der fehlende Schlaf nachgeholt.

Die folgenden Ruhetage gestern und heute waren wichtig, denn wenn auch noch mehr als 1.400 Höhenmeter bis zum Gipfel fehlten, waren es doch recht anstrengende Tage mit schweren Rucksäcken.

Der Wetterbericht für die kommenden 8 Tage ist wie für uns gemacht. Wir starten morgen Sonntag ins Lager 1. Die ersten Tage sollten noch ein wenig bedeckt sein, was bei der sonst sehr starken Sonneneinstrahlung äußerst angenehm ist. Danach stellt sich eine stabile Gutwetterphase ein, mit mäßig starkem Wind und nicht allzu kalten -22 °C im Gipfelbereich.

Die Rucksäcke werden morgen Vormittag gepackt und nach dem Mittagesen starten wir den ersten 6 Tage langen Versuch, den 8.163 m hohen Gipfel des Manaslu zu erreichen.

Das Expeditionsleben

Das Leben am Achttausender unterscheidet sich gar nicht so stark vom Alltag daheim. Routine, Drama, Erfolg und Misserfolg – alles ist da, nur ein wenig anders.

Das Bergsteigerische: Wir haben uns eingelebt und das erste Drittel unseres Gipfelplans umgesetzt. Zwei Nächte im Lager 1 liegen hinter uns, der erste Akklimatisations- und Transportgang zum Lager 2 ist auch erledigt. Morgen folgt der zweite Streich, in drei Etappen schlafen wir uns zum Lager 3 hoch.

Natürlich sind wir superstark, motiviert und wir wissen auch, dass die schlechte Wetterprognose falsch ist. So ware die Vorhersagen bislang auch nur in Ansätzen richtig.

Der Alltag und die Dramen: Wie daheim wird auch hier getratscht und spekuliert. Wir machen uns ein wenig über die einen Nachbarn lustig und erfahren von der anderen Gruppe nebenan die neuesten Geschichten aus dem Manaslu-Universum. Da soll doch einer umgehen, der im Lager 2 Essen und Gas klaut, und danach sogar die Zelttüren weit offen stehen lässt. Es wird gemunkelt, es seie der Italiener. Warum es nicht der Rumäne, der Pole oder der Montafoner war, ist nicht klar. Gesehen hat ihn niemand, und eigentlich sind diese alle vorurteilsgeschichtlich doch gleich vorbelastet.

Und dann war da noch die Wunderheilung. Ein Teilnehmer luxiert sich beim Abstieg vom Lager zwei die Schulter, er wird in zwei mühsamen Etappen ins Basislager begleitet, wo für den nächsten Tag ein Helikopter nach Kathmandu organisiert wird. Wundersamerweise renkt sich während dem Abstieg die Schulter wieder ein, und kurz vor die Hubschrauberrettung anläuft verschwinden auch die Schmerzen und das Fortführen der Bergreise ist doch wieder möglich.

Fast so wunderlich ist das Wiederauftauchen des verlorenen Bergsteigers, der zuletzt im Aufstieg zum Lager zwei gesichtet wurde. Danach galt er als verschollen, sein Freund war besorgt, die Expeditionskollegen ratlos. Zwei Tage wird gesucht, gefragt, an Zelte geklopft – bis ein Funkspruch enthüllt, dass er sich doch im Basislager befindet. Welch Mysterium.

Ja, Religiosität wäre hier in vielen Situationen hilfreich, und es ließe sich damit so manches erklären. Statt beten und frohlocken schüttle ich jedoch immer wieder den Kopf, und in besonders kuriosen Fällen kommt sogar der Vanderbell’sche Scheibenwischer zum Einsatz.

Bei all der Aufregung kommen die gelegentlichen Ruhetage genau recht. Wie schön, dass es sie gibt. Diese vergehen jedoch unglaublich rasch. Der Expeditionsleiter einer Gruppe hat dann endlich Zeit, entspannt zwischen Teilnehmern, Basislagercrew, Hochträgern, der Agenur in Kathmandu und den Verantwortlichen in Deutschland zu vermitteln. Danach wollen Unterhosen und Merinoshirts den Dreck der letzten Tage loswerden und es sollte ja noch Speck für die kommenden Tage am Berg angegessen werden. Letzteres stellt bei dem vorzüglichen Basislager-Essen die kleinste Schwierigkeit dar. Manchmal ist auch Zeit für eine Dusche. Und weil das Internet zwischen 23:00 und 4:00 Uhr recht passabel funktioniert, kann auch die Social Media mit Bildern und ein paar Worten gefüttert werden.

Natürlich darf nicht vergessen werden, weshalb diese Ruhetage erfunden wurden: Entspannen, Kaffee trinken, sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und dabei ein gutes Buch lesen. Auch ich habe eines dabei – klassisch, aus Papier. In den letzten zweieinhalb Wochen habe ich es schon bis auf Seite 22 geschafft.

Morgen geht es wieder los, Rucksäcke werden gepackt, Gaskartuschen gezählt und beim Abendessen bleibt kein Krümel übrig, denn wir wollen doch, dass Regen und Schneefall endlich vorüber gehen…

Manaslu Base Camp

Das Trekking ist vorbei, wir sind im Manaslu Basislager auf 4.860 m angekommen und haben mit der Akklimatisation am Berg angefangen. Langsam beginnt der erstere Teil der Expedition.

Nachdem Muren die Straße nach Dharapani an mehreren Stellen unpassierbar gemacht hat, startete unser Trekking früher als geplant. Die 22 Kilometer der ersten, jetzt erweiterten Tagesetappe von Chamje nach Gowa waren ein guter und landschaftlich äußerst interessanter Einstieg. Am nächsten Tag ging es nach Bimthang, unserem letzten Lager vor der ersten großen Hürde, dem 5.135 m hohen Larkya Pass.

Nach einem Akklimtisationstag führten uns 22 km und 1.500 Höhenmeter über diesen Pass nach Samdo, Tags darauf hatten wir eine kurze Etappe nach Samagaon, der letzten Ortschaft vor dem Aufstieg ins Basislager.

Am 8. September ging es dann endlich an den Fuß des Manaslu, zum Basecamp auf 4.860 m, zu unserer Heimat für die nächsten Wochen.

Dass der Monsun noch nicht ganz vorbei ist, bekommen wir jeden Tag mit. Die Nachmittage und Nächte sind meist verregnet, aber es kommt fast jeden Tag ein bisschen Sonne raus. Jedenfalls ist das Wetter gut genug, um in die unteren Lager aufzusteigen, diese einzurichten und den Körper gleichzeitig an die Höhe anzupassen. Und die stabile Schönwetterphase brauchen wir erst in ca. zwei Wochen.

Nach einem Ruhetag im Basislager ging es schon zur Lager 1 und wieder zurück. Der folgende Tag war für die Puja reserviert. Schon in der Früh stand der Lama mit seiner roten Jacke von der Skischule Kitzbühel da. Unser Koch, die Küchenhelfer und Hochträger waren damit beschäftigt, alles für diese wichtige Zeremonie herzurichten.

Die anschließenden zwei Stunden beten, singen, trommeln und klingeln haben die Götter mit Sicherheit auf unsere Seite gebracht, nicht zuletzt aufgrund des uns selbst geopferten Whiskeys und Bier.

Jetzt kann es richtig losgehen. Die weltlichen und geistlichen Formaliäten haben wir nun hinter uns gebracht, wir sind motiviert und können die weiteren Aufstiege kaum erwarten…

Manaslu 2019 – Start Richtung 8.163 m

Die Expedition auf den 8.163 m hohen Manaslu hat gestartet. Ich darf bei dieser Reise als Expeditionsleiter für Amical Alpin dabei sein.

Meine Ausrüstung ist gepackt, 135 kg Gepäck bestehend aus Gruppenausrüstung und meinen Habseligkeiten konnten nach langen Diskussionen am Flughafen München eingecheckt werden, Kathmandu ist erreicht, weiteres Essen fürs Basislager ist eingekauft und das Briefing beim Tourismusministerium ist auch Geschichte. Es kann losgehen!

Morgen Sonntag starten wir die Fahrt Richtung Dharapani, wo unser Trekking zum Basecamp beginnen sollte. Der Monsun hat uns hier jedoch ein Steinchen in den Weg gelegt, die Brücke bei Chamje wurde weggespült, die Straße ist daher unpassierbar. Das ist nicht weiter schlimm, so beginnt unser Trekking eben ein bisschen früher, mit ein wenig Glück können wir die letzte Straßenkilometer ab Tal wieder im Allrad-Fahrzeug sitzen.

Die folgenden sieben Tage bringen uns über den Larkya Pass nach Samagaon und dann weiter zum Manaslu-Basislager auf ca. 4.900 m. Beinahe einen Monat haben wir für die Akklimatisation, die Errichtung unserer vier Lager und den Gipfelgang.

Wir sind eine tolle und motivierte Gruppe bestehend aus 6 Teilnehmern, 3 Hochträgern, einem Koch, einem Küchenhelfer, Andreas – der uns bis zum BC begleitet und dann andere Trekking-Wege geht – und mir.

Ich hoffe, dass die Kommunikation wie geplant funktioniert, denn dann kann ich auf dieser Seite und auf meinen Social Media Kanälen von unseren Fortschritten berichten.

Auch auf dem Blog von Amical Alpin wird regelmäßig über unser Ergehen am Berg berichtet.

Mit großer Vorfreude und einer mächtigen Portion Respekt vor dem Berg schicke ich beste Grüße aus Kathmandu in die Heimat und in die Welt!

Bis bald,

Stefan

Solimana (6.093 m) – Auf einem neuen Weg zum Gipfel

Start in Arequipa

Mit prall gefüllten Rucksäcken, einer Schachtel voll mit Essen, 10 Litern Wasser und zwei weiteren Taschen für den kommenden Tag – gesamt ca. 78 kg – sind wir letzten Freitagabend in den Bus Richtung Cotahuasi eingestiegen. 7 Stunden später, um 2:00 Uhr nachts, haben wir den Busfahrer gebeten anzuhalten. Mitten in der Wüste auf 4.560 m über dem Meer. Mit geschultertem Gepäck ging es noch ein paar hundert Meter von der Straße Richtung Berg, wo auf 4.600 m unser erstes Camp entstehen sollte.

Der Start in Arequipa – mit 78 kg Gepäck

Wir wussten natürlich, dass es nicht ganz der gängigen Lehrmeinung betreffend einer optimalen Akklimatisation entspricht, das erste Lager auf 4.600 m zu erreichten. Deshalb ließen wir es erst langsam angehen. Nach einem feinen Frühstück packten wir einen Teil unserer Bergausrüstung und machten uns auf den Weg Richtung Südostwand des Nevado Solimana.

Unser Ziel – die selten besuchte Südostwand des Nevado Solimana (6.093 m)

Der Weg zur Solimana-Südostwand

Nach gut 6 Kilometern und 530 Höhenmetern deponierten wir unsere Ausrüstung und stiegen wieder zum Zelt ab. Die erste richtige Nacht auf 4.600 m verlief sehr gut, weshalb wir am Sonntag mit gutem Gewissen unser Zelt abbauten und mit der restlichen Ausrüstung aufsteigen. Nachdem wir unser Camp auf 5.130 m eingerichtet hatten und bei einer Tasse Kaffee feststellen durften, dass noch immer alles in bester Ordnung ist, packten wir ein weiteres Mal unsere Rucksäcke.

Einerseits wollten wir wieder einen Teil der Ausrüstung höher hinauf bringen, andererseits schwanden unsere Wasservorräte, weshalb uns ein Sack von dem weiter ober liegenden Schnee sehr willkommen war.

So ging es hinauf auf 5.400 m, wo das nächste Materialdepot entstand. Mit dem guten Solimana-Schnee kochten wir uns später ein feines Abendessen.

Unser zweites Camp am Solimana, auf 5.130 m

Auch unsere dritte Nacht am Berg brachte keine Probleme. So wurden die Rucksäcke ein weiteres Mal gepackt und die Reise ging weiter. Am Depot vorbei, über einen kleinen Pass mit 5.520 m und wieder hinunter zu einem tollen windgeschützten Platz am Fuße der Solimana-Südostwand. Jetzt hieß es nur nochmal über den Pass zum Depot, und mit der restlichen Ausrüstung zurück zu unserem Camp 3.

Dieser Tag war nicht nur deshalb ein besonderer Tag, weil wir unseren Anmarsch zum Berg erfolgreich abschließen konnten, es war auch Klaus‘ Geburtstag. Dafür hatten wir feine Nudeln und ein edles Barilla-Pesto geplant. Das Pesto war sehr gut, die Nudeln hatten schlussendlich eher eine püreeige Konsistenz. Man kann zwar nicht sagen, dass es sehr deliziös war, aber der anschließende Becher Rotwein hat vorzüglich gemundet.

Unser drittes Camp auf 5.440 m

Auf neuen Wegen zum Gipfel

Die folgende Nacht war mit -16 °C recht kalt, und die nicht ganz perfekte Akklimatisation hat uns nicht wirklich tief und fest schlafen lassen, dennoch sind wir am nächsten Tag hochmotiviert gestartet. Unser Ziel war, eine neue Route auf den Gipfel dieses wenig bestiegenen Vulkans zu finden.

Die Berge um Arequipa sind bei Bergsteigern nicht so beliebt wie die Gipfel der Cordillera Blanca oder die 6.000er in Bolivien. Der Bergtourismus beschränkt sich hier fast ausschließlich auf den Misti und den Chachani, die direkt oberhalb von Arequipa liegen und leicht erreichbar sind. Wer einen exotischeren Berg im Süden Perus sucht, landet eher am 330 m höheren Coropuna, als am Solimana.

Der Normalweg auf den Solimana befindet sich auf der Nordseite des Berges, weshalb die Südostwand nur selten besucht wird. Weiters ist der Fels hier sehr brüchig und gute Eisbedingungen herrschen nur in den Wochen nach der Regenzeit.

Der zentrale Teil der Solimana-Südostwand (rechte Bildhälfte)

Als ich vor einem Jahr am Coropuna unterwegs war ist mir diese Wand aufgefallen. Sie schien technisch nicht extrem anspruchsvoll, dennoch weitaus steiler als die üblichen Anstiege auf die südamerikanischen 6.000er. Mit ihren gut 500 Metern Höhe ist sie zwar kein Riese, dennoch ist ein Besteigungsversuch eine ernsthafte Angelegenheit.

Und jetzt war der Tag gekommen. Erst ging es ein Stück näher an die Wand, dorthin, wo wir den Beginn einer schönen Linie gesehen hatten. Wir folgten dem geplanten Verlauf, und langsam steilte sich die Wand auf. Aus 40 wurden 45 Grad, und aus 45 Grad 50. Nach ungefähr einem Viertel der Wand sahen Klaus und ich gleichzeitig eine tolle Linie. Direkt oberhalb von uns begann ein schmales Firn- und Eis-Couloir, das gerade zum Grat führte und sich dabei langsam aufsteilte.

Jetzt war die Frage, steil und schmal, oder ein bisschen flacher und ein bisschen breiter. Die Entscheidung war schnell gefallen und wir zogen unsere Spuren gerade nach oben.

Die Bedingungen in unserer Rinne waren so gut, dass wir auch in den 55 bis 60 Grad steilen Passagen das Seil im Rucksack lassen konnten.

Am späteren Vormittag erreichten wir den Grat. Diesem folgten wir in einem Auf und Ab in Fels und Eis bis zum Col einige Höhenmeter unterhalb des Gipfels. Diese paar Meter oberhalb von 6.050 m hatten es noch einmal in sich.

Vier Stunden nach unserem Aufbruch im Camp 3 standen wir glücklich am Gipfel des 6.093 Meter hohen Nevado Solimana. Es hätte nicht besser laufen können.

Nach einem Schluck Tee und ein paar Bildern ging es dann auch schon wieder hinunter. Wir wählten die steile Südflanke, die dank des vielen Schnees gut begehbar war. Am Einstieg gönnten wir uns noch einen Blick in diese perfekte Rinne, die uns zum Gipfel geführt hatte.

Zwei Stunden nach unserem Gipfelerfolg waren wir wieder beim Zelt und kochten erstmal Tee, um verlorene Flüssigkeit nachzutanken.

Ob unsere Route nun wirklich eine Erstbegehung ist oder nicht, kann noch nicht mit Sicherheit gesagt werden. Doch die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, da sich eben nur selten Bergsteiger in diese Wand verirren. In den nächsten Wochen werden wir mehr erfahren, wenn wir Rückmeldung von entsprechenden Stellen bekommen.

Zurück in die Zivilisation

Ursprünglich hatten wir mit ein paar Tagen mehr am Solimana geplant, aber alles lief wie am Schnürchen und wir hatten unser großes Ziel erreicht. Also konnten wir uns mit gutem Gewissen in wärmere Gefilde aufmachen.

Am nächsten Tag packten wir unsere schweren Rucksäcke und gingen los. Nach 13 km, 1.000 Höhenmetern im Abstieg und gut 4 Stunden erreichten wir die Straße, von der wir gestartet waren.

Der Rest war leicht: Auf Autos oder Busse warten – in unsere Richtung fahrende Autos sahen wir schon 10 Minuten vor ihrer Ankunft bei uns – Daumen raus, einsteigen, fertig.

Und eigentlich kann man ja auch sagen, dass wir Glück hatten. Denn tatsächlich hat uns schon das vierte in die richtige Richtung fahrende Fahrzeug mitgenommen und ins 7 Stunden entfernte Arequipa mitgenommen. Nur, dass es sechs Stunden gedauert hat, bis dieser Bus für uns angehalten hat.

Doch wir wussten uns zu beschäftigen. Erst galt es, den restlichen Geburtstags-Rotwein auszutrinken, dann mussten natürlich die herumstehenden Steine beklettert werden, und als es dann dunkel wurde, gab es unzählige Sternbilder, die es zu lernen galt.

Spät in der Nacht erreichten wir Arequipa. Am nächsten Tag waren wir mit dem Waschen und Sortieren der Ausrüstung, sowie viel essen und trinken beschäftigt.

Am Freitag gönnten wir uns noch mehr Erholung, wir stiegen in den Bus nach Mollendo an der Pazifikküste. Dort genossen wir das Meer, Fisch, Ceviche, Meeresfrüchte und gelegentlich ein Bierchen. Der perfekte Ort zum Relaxen…

Inzwischen sind wir wieder in Arequipa angekommen. Die kommenden Tage verbringen wir entspannt in den hiesigen Klettergebieten. Ende Woche muss Klaus wieder zurück in die Heimat und für mich geht es noch einmal zum Coropuna, ich habe dort seit einem Jahr noch eine Rechnung offen…

Start des Projektes „Solimana 2019“

Nach einem langen Flug sind Klaus und ich vorgestern in Arequipa angekommen. Wir durften uns bei unserem Bergführer-Kollegen Julver einquartieren.

Gestern haben wir mit den Vorbereitungen für den Berg begonnen. Essen musste eingekauft werden, was gar nicht so leicht war. Wir tragen alles selbst, daher muss es super schmecken, abwechslungsreich und reichhaltig sein, darf aber fast nichts wiegen. Am Nachmittag besorgten wir noch unser Busticket zum Berg, danach hatten wir uns einen Pisco Sour nach diesem ersten erfolgreichen Tag definitiv verdient.

Nach weiteren Vorbereitungen heute Vormittag wird jetzt gepackt, um 19:00 Uhr statten wir die 8 Stunden lange Busfahrt Richtung Norden.

Bald geht es los, und wir freuen uns schon auf spannende Tage in der Wüste und am Berg…

Solimana

Das Projekt »Solimana 2019«

Der Solimana ist ein 6.093 m hoher Vulkan im Süden Perus und steht im Schatten seines Nachbarn Coropuna. Daher wird er nur selten bestiegen und es gibt noch viel Potential für neue Touren am Berg.

Klaus Witwer (Berg- & Skiführer aus Raggal bzw. Thüringen in Vorarlberg) und ich starten Mitte Mai diesen Jahres zum Solimana, um neue Wege auf den Gipfel zu finden.

Weitere Infos zu unserem Projekt auf der Website solimana.derberg.at.

Anstrengender Tag von 6.425 m zur Pazifikküste

Der große Tag, auf den wir uns die letzten Wochen vorbereitet haben, ist gekommen. Es hat zwar nicht alles ganz so funktioniert, wie wir es geplant hatten, aber es ist geschafft. 6.425 m Höhenunterschied mit reiner Muskelkraft – vom Gipfel des Coropuna zur Pazifikküste…

Nach einer Nacht in Cotahuasi sind wir wieder zum Coropuna gefahren und haben unser Basislager auf ca. 5.170 m eingerichtet. Für die kommenden Tage war geplant, den besten Weg für unseren Aufstieg auf den 6.425 m hohen Hauptgipfel zu suchen. So sind wir Tags darauf zum Normalweg aufgebrochen. Ein großer Vorteil für uns war der Schnee, der an den Süd-ausgerichteten Moränenrücken noch bis weit hinunter lag. So konnten wir schon ab einer Höhe von 5.365 m mit den Skiern aufsteigen.

Ich bin vor 15 Jahren auf diesem Weg zum Gipfel gegangen, und er war für mich kaum wieder zu erkennen. Das Eis ist sehr stark zurückgegangen, der felsige Rücken zwischen 5.750 m und 6.100 m hat es damals in dieser Form nicht gegeben. Dadurch ist der Aufstieg anspruchsvoller geworden, vor allem bei den Schneeverhältnissen, wie wir sie hatten.
Auf 6.260 m kehrten wir um und mussten erkennen, dass sich diese Route für eine entspannte Skiabfahrt nur wenig eignet.

Am nächsten Tag starteten wir auf einem anderen Weg zum Gipfel. Ein Umweg durch Eisbrüche, unter dem Hauptgipfel vorbei und zu zwei steilen Flanken, die von der anderen Seite auf den Gipfel führen. Aritza hat uns den perfekten Weg durch die Spalten gefunden und auf ca. 6.150 m, unterhalb der Gipfelhänge, haben wir die Abfahrt angetreten und beschlossen, dass dies wohl die bessere Route für unser Projekt ist.

Der 14. Mai war unser „Ruhetag“. Umpacken, vorbereiten für den großen Tag, das Basislager nach oben, auf 5.255 m, verlegen, schlafen. Oder zumindest versuchen, Schlaf zu finden.

Um 19:00 Uhr lagen wir in den Zelten, der Schlaf kam leider nicht, aber Ausruhen ist auch eine gute Vorbereitung. Um 21:30 Uhr läutete der Wecker und ließ uns umziehen, Schlafsäcke und Matten verpacken, „Frühstücken“ und fertig werden für den Aufbruch. Um 23:15 Uhr ging es los, zuerst 100 Höhenmeter zu Fuß bis zum Schnee, dann über den bereits bekannten Weg zu den Hängen unterhalb des Gipfels. Alles verlief bestens, das Wetter war perfekt, der Wind hat sich sehr zurückgehalten. Die letzten 300 Höhenmeter ging es dann teilweise mit Steigeisen hinauf, und pünktlich zum Sonnenaufgang um 6:00 Uhr standen Aldo, Aritza, Renzo und ich am höchsten Punkt des Coropuna auf 6.425 m und genossen die ersten Sonnenstrahlen dieses Tages, der noch lang und hart werden sollte.

Unser eigentliches Projekt begann in diesem Moment. Ich fuhr mit den Skiern ab, ein Teil der Gruppe hat für die ersten Meter die Steigeisen bevorzugt. Danach weiter in anspruchsvollem Bruchharsch durch den Gletscherbruch und hinunter bis zum Ende des Schnees. Von dort waren es nur gut 10 Minuten zu Fuß bis zu Lager. Die Fahrräder standen zwar schon bereit, weil aber bei einigen Reifen noch Luft fehlte und dies und das gemacht werden musste, verzögerte sich unsere weitere Abfahrt ein wenig. Aber um 8:40 Uhr ging es los. Wir ließen es erstmal rollen, auf einer sandig-schotterigen Straße gut 500 Höhenmeter bis auf 4.740 m, wo wir auf die offizielle Schotterstraße kamen.

Erst ein wenig bergauf und bergab, dann wieder hinunter. Diese ersten Kilometer waren nicht schwierig und haben richtig Spaß gemacht. Ein bisschen ärgerlich war nur der Platten bei Renzos Fahrrad, der ihn leider zurückfallen ließ.
Aldo, Aritza und ich wurden von Iván auf dem Fahrrad begleitet. Iván ist auch Bergführer und Inhaber der Outdoor-Agentur „Quechua Explorer“ in Arequipa und hat uns die Bikes zur Verfügung gestellt. So ging es weiter bis nach Rata, wo der von uns gewählte Weg nach rechts abzweigte.

Ursprünglich war geplant, durch das Valle de Majes nach Camaná abzufahren. Dann wurde uns jedoch die Straße nach Ocoña empfohlen. Landschaftlich auch schön, wenige Gegenanstiege, super Schotterstraße, bis auf ein paar Kilometer. Ein Blick auf die Karte verriet uns, dass die Straße 30 km später im Tal ankommt und wir daher – so unser Irrglaube – 30 km Abfahrt gewinnen würden. Also rechts weg nach Ocoña.

Es ging erstmal bergauf und ein bisschen bergab, aber wir waren ja noch relativ frisch, und jeder Meter bergauf bedeutete mehr Abfahrt. Die Straße war okay, ziemlich holprig und manchmal auf weiten Strecken Waschbrettpiste. Aber Hintern, Handgelenke und Knie waren noch frisch und regten sich nicht auf.
In der Zwischenzeit hatte Renzo wieder zu uns aufgeschlossen, Aritza ging die Abfahrt aufgrund einer alten, noch störenden Verletzung ein wenig langsamer an und blieb weiter hinten bei unserem Begleitfahrzeug und Iván.

Dann, nach 5 Stunden Fahrt kam Aldos Reifenplatzer. Wir wussten nicht, wie weit hinter uns die anderen waren. Telefonisch konnten wir niemanden erreichen.
Unser Plan sah im besten Fall vor, dass wir zum Sonnenuntergang an der Küste sind, vorzugsweise mit einem Glas Pisco Sour in der Hand. Und dies war noch möglich, aber nur, wenn wir uns ranhielten und keine Minute verschwendeten. Daher trafen wir die Entscheidung, dass Renzo und ich schon einmal weiterfahren, Aldo wartete auf Hilfe und wir beschlossen, uns telefonisch darüber zu verständigen, wie es dann weiter geht.

Renzo und ich gaben Gas, meine Laune verschlechterte sich jedoch mit jeder Minute. Mich störte, dass Aldo wegen einem dummen Platten nicht mehr mit uns abfahren konnte, wir hatten dieses Projekt doch gemeinsam geplant, gestartet, und sollten es auch gemeinsam beenden. Ich begriff nicht, wieso unser Begleitfahrzeug weder in der Nähe, noch erreichbar war, genau dann, wenn wir es benötigten. Dann waren da noch die Gegenanstiege. Mir schien, dass die Straße nur aus Flachstücken und Bergauffahrten bestand. Und wenn es einmal hinunter ging, war die Piste so schlecht, dass man nur selten schneller als 35 km/h fahren konnte. Und, die Kilometer wollten nicht weniger werden.

Als wir im flachen Teil der von uns gewählten Strecke ankamen, sagte das Handy, dass noch 100 km fehlten, und uns wurde klar, dass es mit dem Sonnenuntergang an der Küste definitiv nichts werden würde. In der ersten Ortschaft seit vielen Kilometern, in San Juan de Chorunga, machten wir halt und kauften uns etwas zu trinken und einen Muffin als verspätetes Mittagessen. Wir mussten uns auch um die Reifen auf Renzos Fahrrad kümmern, die hatten kaum mehr Luft. In einem kleinen Geschäft bekamen wir Fahrradflicken und wir reparierten jeweils ein Loch in Vorder- und Hinterreifen.

Es ging weiter, auf einer größeren Schotterstraße, die jedoch noch schlechter war als die Straße zuvor. Telefonisch konnten wir leider niemanden erreichen, wir hofften, dass es allen gut ging. Zwanzig Kilometer weiter kam der lange erwartete Anruf von Carlos. Er teilte mir mit, dass es allen gut gehe, und sie gerade in San Juan de Chorunga angekommen seien. Spitze. Wir gingen davon aus, dass das Begleitfahrzeug in spätestens einer Stunde zu uns aufschließen würde. Wir hatten noch knapp zwei Stunden Licht und wollten dieses nutzen, also warteten wir nicht, sondern gaben weiter unser Bestes.

Schön zu wissen, dass bald Unterstützung kommt, und in unserem Fall war dies auch dringend notwendig. Weil wir ja davon ausgingen, dass das Begleitfahrzeug ständig in unserer Nähe ist, hatten wir nicht viel dabei. Bei Renzo war es nur eine Jacke, bei mir ein Rucksack mit Kamera, Erster Hilfe, Jacke, ein paar Keksen, einer leeren Trinkflasche und insgesamt 80 Soles (20 Euro). Zusätzlich eine Stirnlampe, sowie eine Notlampe in der Ersten Hilfe. Aber, mit dem Begleitfahrzeug direkt hinter uns hätten wir ja auch in der Nacht beste Sichtverhältnisse und einen guten Schutz vor LKWs und SUVs. Normale PKWs verirrten sich glücklicherweise keine auf diese ruppige Schotterpiste.

Es wurde dunkler, und irgendwann richtig dunkel. Ich holte meine Stirnlampe aus dem Rucksack und gab sie Renzo, für mich blieb das Notlicht. Dies reichte, um auf der Straße bleiben zu können, Schlaglöcher konnte ich damit keine ausmachen, große Steine erkannte ich ca. 1 Meter vor dem Vorderrad. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit verringerte sich drastisch, wir waren mit 10 – 13 km/h unterwegs und mussten bei fast jedem LKW am Straßenrand anhalten. Entweder, um nicht überrollt zu werden, von hinten waren wir eher schwer zu erkennen, oder, weil das Licht der entgegenkommenden Fahrzeuge so blendete, dass man gar nichts mehr erkennen konnte.

So ging es dahin. Stunde um Stunde, der Hintern tat von den zehntausenden Schlaglöchern weh, Knie und Handgelenke hatten auch schon lange genug von der nervenden Waschbrettpiste. Irgendwann legten wir noch einmal einen kurzen Halt ein, um etwas zum Trinken zu kaufen. Essen war nicht drin, einerseits, weil wir nicht wussten, wieviel von unseren 80 Soles noch für Übernachtung und Verpflegung an der Küste verwendet werden musste, andererseits, weil dies wieder unnötig Zeit gekostet hätte. Und wir wollten endlich ankommen.

Weil wir Aldo, Aritza, Carlos und Iván telefonisch nicht erreichen konnten und wir keine Ahnung hatten, wo sie abgeblieben sein könnten, vertrauten Renzo und ich nicht mehr auf ihre Hilfe. Wird schon irgendwie gehen, ein Schlagloch nach dem anderen, jedes bedeutet einen unsanften Schlag auf den Hintern weniger bis zum Ziel in Ocoña.

Um Mitternacht waren wir endlich da. Renzo und ich, in Ocoña, an der Panamericana, wieder in der Zivilisation, nur 5 km von der Küste entfernt. Zwischen Tiendas, Hospedajes, Tankstellen und Imbissbuden. Total am Arsch, aber da. Wir suchten uns eine Tankstelle um Informationen zu Übernachtung und Restaurants einholen zu können, über die 5 km bis zur Küste, unserem eigentlichen Ziel, redeten wir kein Wort. Erstmal musste Cola und Wasser reichen, um wieder ein wenig zu Kräften zu kommen. Geschafft. Quasi. Geil.

Dann läutete das Telefon. Carlos – was für ein Wunder. In einer halben Stunde seien sie in Ocoña. Super. Viel mehr als „Tankstelle“ habe ich nicht geantwortet, wir saßen da und warteten, bis der Hyundai mit dem kaputten Auspuff erst zu hören, und dann auch zu sehen war. Hinter ihm, Aldo und Iván auf dem Fahrrad. Das kam überraschend!

Vor 11 Stunden hatten wir Aldo das letzte Mal gesehen, unser „Begleitfahrzeug“ war sogar für 15 Stunden verschwunden. Wir waren überglücklich, dass die Gruppe wieder komplett war. Aritza saß im Auto, er ist ca. 40 km vor dem Ziel vom Bike gestiegen, ihm hatte eine alte, noch nicht ganz verheilte Verletzung an den Rippen zunehmend Probleme bereitet. Der ganze Frust war verschwunden, neue Energie war auf einmal wieder da, woher die kam, weiß ich nicht.

Es fehlten noch die letzten gut 5 km zu Küste. Also wieder in die Sättel, diesmal zu dritt, Aldo, Renzo und ich. Eine knappe halbe Stunde später standen wir im Wasser und freuten uns wahnsinnig, unser Ziel nun endlich und doch noch und gemeinsam erreicht zu haben.

Ein harter Tag, ein sehr harter Tag ging zu Ende. Vor 19,5 Stunden standen wir am Gipfel des Coropuna auf 6.425 m, jetzt am Pazifik auf genau 0 m. Wir haben 217 km zurückgelegt, davon 211 auf dem Fahrrad.

Carlos hat uns in der Zwischenzeit eine Unterkunft gesucht, wir fuhren wieder zurück in die Stadt und legten uns für ein paar Stunden hin, bevor es mit dem Auto wieder zurück nach Arequipa ging…