7.134 m! Erfolg am Pik Lenin

Es ist ein langer Weg zum Gipfel des Pik Lenin. Und das in vielerlei Hinsicht. Die Vorbereitung in der Heimat, die Reise zum Berg, die Akklimatisationsphase, in der sich Träume in Frust und Ärger wandeln können (wie auch wir lernen mussten). Und dann der große Tag. An dem alles passen muss. Wetter, Gesundheit, Motivation und so vieles mehr. Martin, Stefanie, Cornelius und ich haben den langen Weg zum Gipfel geschafft und sind danach gesund und überglücklich wieder im Camp 3 angekommen.

Start zum Gipfel

Am Samstag, dem 7. August geht es los. Kurz nach halb vier in der Früh verlassen wir bei Temperaturen bis -9 °C das Camp 1 (ABC, 4.400 m). Was uns erwartet wissen wir, und so kommen wir wie geplant Mitte Vormittag im Camp 2 auf 5.400 m an. Unsere Akklimatisation passt, Höhenprobleme gibt es keine. Wir müssen jedoch feststellen, dass uns die Vorbereitung ziemlich viel Substanz gekostet haben. Aber es bleibt ja der restliche Tag zum Erholen. Essen, trinken, relaxen, das schöne Lagerleben genießen und früh in den Schlafsack. Das sind unsere Aufgaben.

Ich erkundige mich noch bei Dominik über die aktuelle Wettervorhersage für den Pik Lenin, alles ist bestens. Es bleibt bei dem Plan, den Gipfel am Montag zu versuchen. Die Aussichten sind sehr gut.

Am Sonntag starten wir gegen 8:30 Uhr den Aufstieg in unser höchstes Camp auf 6.120 m. Wie auch schon die letzten beiden Male ist der letzte 200 Höhenmeter lange und bis zu 45 Grad steile Hang eine Herausforderung. Am frühen Nachmittag kommen wir im Camp 3 an, die Zelte werden bezogen und wir haben wieder einen halben Tag zum Entspannen und Vorbereiten. Es wird eine kurze Nacht und ein sehr langer Montag werden.

Gipfeltag

Der Wecker läutete um 1:30 Uhr nachts. Die ersten 20 Minuten sind notwendig, um sich für den Aufstieg anzuziehen. Dann wird der Kocher angeworfen, Kaffee gekocht und Frühstück zubereitet. Nach der internationalen Mahlzeit aus kirgisischem Käse, süddeutschem Schinkenspeck und Cappuccino schäle ich mich aus dem Zelt und wir starten pünktlich um 3:00 Uhr Richtung Gipfel.

Dieser Aufstieg zum Gipfel beginnt mit 100 Höhenmetern Abstieg. Und die darauffolgenden 400 Höhenmeter über einen steilen Rücken haben es in sich. Es ist mit -19 °C bitterkalt und ich kann meine Zehen, die in 6000er-Schuhen stecken, kaum mehr spüren. Warum nur habe ich mich nicht für die 8000er-Stiefel entschieden? Es geht nicht nur mir so. Auf ca. 6.400 m entscheiden sich erst Thomas und eine wenig später auch Helga, den Gipfelversuch abzubrechen. Kalte Zehen, Unwohlsein und die Nachwirkungen von Verdauungsproblemen der letzten Tage lassen nicht ausreichend Energie, um den Weg fortzusetzen. Thomas wird von unserem russischen Bergführer Juri begleitet, Helga steigt kurz nach Sonnenaufgang mit dem Teilnehmer einer anderen Gruppe ab. So sind wir nur noch zu viert auf unserem Weg zum höchsten Punkt des Pik Lenin.

Die Schlüsselstelle des Gipfelanstiegs soll das „Messer“ auf ca. 6.650 m sein – ein Steilaufschwung, der mit einem Fixseil versichert ist. Diese Passage bringen wir problemlos hinter uns. Bei diesen guten Verhältnissen ist das Fixseil eigentlich gar nicht notwendig. Bald müssen wir jedoch feststellen, dass für uns die Schlüsselstelle eine ganz andere ist. Denn nach dem „Messer“ zieht sich der Weg unendlich lang dahin. Meist ist es recht flach, gelegentlich kommt ein kleiner Anstieg, die Höhenmeter werden nicht und nicht weniger. Wenn man denkt, hinter dem nächsten Anstieg endlich den Gipfel sehen zu können, zeigt sich dort nur ein weiterer Wegbogen, der sich zum Horizont zieht.

Wir sind nicht schlecht unterwegs, einige konnten wir überholen, nur einzelne waren schneller als wir. In den Pausen lassen wir uns Zeit, denn die Wettervorhersage für den restlichen Tag könnte nicht besser sein und der Blick in den Himmel bestätigt die Infos von Dominik.

Ab 6.850 m entscheide ich für mich, nur noch alle 150 Höhenmeter eine kurze Pause zu machen. Ganz kann ich mich nicht daran halten, auf 6.990 m spüre ich, wie mein Körper nach Flüssigkeit und ein paar Nüssen schreit. Ich setze mich hin, esse und trinke was, Martin, Stefanie und Cornelius schließen auf.

Frisch gestärkt geht es an die letzten 150 Höhenmeter. Auch diese ziehen sich, aber in der letzten halben Stunde des Weges ist der Gipfel zu sehen, und das motiviert enorm. Um 12:15 Uhr komme ich ganz oben an, Martin, Stefanie und Cornelius kommen ein paar Minuten später.

Traumhaft. Der Gipfel ist erreicht. Und das bei bestem Wetter. Inzwischen sind die Temperaturen angenehm und der Wind bläst nur schwach. Wir machen ein paar Gipfelfotos und nach einer halben Stunde beginnen wir den langen Rückweg. Natürlich zieht auch der sich, aber abwärts ist es doch um vieles einfacher. Wir überwinden auch den Gegenanstieg zum Camp 3 und gut 14 Stunden nach unserem Aufbruch kommen wir bei den Zelten an. Geschafft.

Zurück zum Fuß des Berges und in die Zivilisation

Das Einschlafen fällt an diesem Abend nicht schwer. Am Dienstagmorgen wird gepackt, ein Teil der Ausrüstung bringen Trägern zurück ins Tal. Wir brechen auf, machen einen kurzen Stopp im Camp 2 und steigen dann weiter ins Camp 1 (ABC) ab.

Pünktlich zum Mittagessen kommen wir dort an und speisen genüsslich, entspannt und glücklich. Es ist ein riesiger Brocken, der mir von den Schultern fällt und unbemerkt im Boden verschwindet. Die Expedition war und ist erfolgreich. Wir sind wieder gesund am Fuße des Berges angekommen, niemand war höhenkrank, es gab keine Dramen, wir waren und sind eine harmonische, fröhliche, optimistische Gruppe mit viel Humor und Motivation. Ein bisschen schmerzt der unglückliche Expeditionsabbruch vom so starken Maurice sowie der Entschluss von Udo, auf den Gipfel zu verzichten. Aber so ist es in den hohen Bergen, ohne kleine Abstriche geht es nur selten und ich bin mit dem Ergebnis der Expedition sehr sehr zufrieden und glücklich.

Die nächsten beiden Tage verlaufen unspektakulär. Wir steigen ins Basislager ab, wo wir uns durch die sauerstoffschwangere Luft zu den Duschen pflügen und uns Schweiß, Dreck, Zweifel und Skepsis aus den Haaren und vom Rücken waschen. Am Donnerstag geht es dann in einer 4,5-stündigen Fahrt nach Osh, die Suche nach einem passenden Restaurant fürs Abendessen verläuft schlussendlich doch noch erfolgreich und mit Schaschlik, Salat, gegrillten Auberginen, Bier, Cheesecake und Espresso feiern wir die erfolgreichen Wochen am Pik Lenin.

Eine eigene Welt am Berg

Bei einer Expedition schrumpfen das Leben und die Welt auf einen sehr kleinen und eingeschränkten Bereich zusammen. Alles spielt sich am Berg ab, der Fokus liegt beim Bergsteigen, Essen und Schlafen. Nur die gelegentliche Kommunikation nach außen bringt ein bisschen was von der restlichen Welt in diese abgeschiedene Sphäre. Und wie auch im alltäglichen Leben gibt es die Menschen, Gruppen, Geschichten und Erlebnisse um einen herum, nur im kleineren Maßstab.

Unsere kleine Amical-Expedition war eine dieser verschiedenen Einheiten. Ich bin überzeugt davon, dass eine erfolgreiche Zeit am Berg sowie der Gipfelerfolg sehr stark von der Stimmung und Motivation innerhalb einer Gruppe abhängt. Ganz besonders beim Höhenbergsteigen. Diese gute Stimmung hatten wir vom Anfang bis zum Schluss, auch wenn es zwischendurch mal einen Dämpfer gab.

Pläne und Taktiken wurden gemeinsam besprochen und so angepasst, dass alle damit einverstanden waren, unterwegs und beim Zusammensitzen an den Nachmittagen und Abenden gab es entspannte Gespräche, es wurde sehr viel gelacht, herumgealbert und erzählt. Wir waren eine sehr vielfältige Gruppe, in der sich alle gut mit den anderen verstanden haben. Sehr schade ist, dass zwei den Gipfel nicht versuchen konnten. Zum einen ist da Maurice, wohl unser Stärkster in der Gruppe. Nachdem er aufgrund unerklärlichen Unwohlseins (ohne irgendwelche Anzeichen für Höhenprobleme) vom Camp 2 absteigen musste und sich beim Abstieg am Knie verletzte, reiste er ab, da es keine Chance mehr für einen weiteren Aufstieg gab. Und Udo, bei dem die erste Akklimatisationsrunde nicht den gewünschten Erfolg brachte. Er entschied, die restlichen Tage im Camp 1 und im Basislager zu genießen. Wann immer wir vom Berg heruntergekommen sind, begrüßte er uns mit einem Grinsen und seiner positiven Ausstrahlung. Es war schön zu sehen, dass er die Zeit genießen konnte, auch wenn seine Expedition nicht wie geplant verlief.

Neben uns gab es andere Gruppen am Berg und in den Camps. Manchen begegneten wir immer wieder, so dass man kennenlernte. So war da die große spanischsprechende Gruppe, die meist in den Zelten nebenan wohnten und die uns am Weg immer wieder begegneten. Wir hatten einen guten Austausch miteinander und waren uns bis zum Gipfel immer wieder zusammen unterwegs. Eine andere Gruppe, die wir gelegentlich in den Camps antrafen, war die eine deutsche Expedition, in der es ständig Streit gab. Diese konnte getrost ignoriert werden. Und natürlich gab es da noch die Partie, die vom sympathischen Schweizer Bergführer Markus und seinem Co-Guide, dem 2,05 Meter großen Hünen Martin, angeführt wurde. Ihre gänzlich andere Herangehensweise an den Berg und die Vorgänge in der Gruppe gaben uns reichlich Gesprächsstoff. Mit dieser bunten Gemeinschaft haben wir uns gut verstanden und bestens zusammengearbeitet.

Neben den „Kunden“ am Berg waren selbstverständlich noch die da, ohne die es nicht geht. Die lokalen Bergführer*innen, Camp-Chefs, Köchinnen und -gehilfen, Träger*innen, Pferdetreiber und und und. Für mich als Bergführer sind sie meine wichtigsten Ansprechpersonen, ohne Vertrauen zueinander ist ein gutes Arbeiten und der Erfolg am Berg nicht möglich. Dadurch entwickeln sich auch besondere Beziehungen. Dies spürt man, gerade wenn man zusammen am Berg unterwegs ist.

Das Gefühl, in einer Weise zu einer kleinen Familie geworden zu sein, obwohl man sich vor zwei Wochen noch nicht gekannt hat, hatte ich auch an jenem Nachmittag, als wir in der warmen Sonne zu dritt vor dem Zelt in einem der Camps saßen. Juri, unser ruhiger, geduldiger und besonnener Bergführer aus Jekaterinburg in Russland, Anastasia, die bergbegeisterte und lebensfreudige Kasachin, die für Ak Sai als Camp-Managerin und Co-Guide arbeitet und zufälligerweise oft gleichzeitig mit uns in den Camps war, und ich. Wir saßen da, unterhielten uns über den Berg, die Leute und das Leben. Da Juri schon seit Tagen mit einem unschönen Husten zu kämpfen hatte, gab es für jeden von uns einen Schluck aus einer fast leeren Whiskyflasche. Bei mir stellte sich ein Gefühl von Heimat ein, obwohl ich mit mir fast fremden Menschen in einem fernen Land mit anderer Kultur und Sprache an einem unwirtlichen Berg oberhalb der 6.000 Meter Grenze saß. Und ich glaube nicht, dass der kleine Schluck Whisky keinen allzu großen Einfluss darauf hatte.

Einen anderen nachhaltigen Eindruck gibt es auch vom letzten Morgen im Basislager. Vor dem Frühstück hat sich mein Zelt geöffnet und Juri ist eingetreten. In der Hand einen kleinen Anhänger (Halskettchen), den all die bekommen, die den Pik Lenin erfolgreich bestiegen haben. Nach unserer Besteigung gab es leider keine Anhänger mehr, weshalb wir uns mit einer Urkunde begnügen mussten. Ich mache mir nichts aus Urkunden, Medaillen oder Trophäen, für mich zählt das Erlebnis und das Wissen über den Erfolg. Deshalb war ich auch nicht eine Sekunde traurig, als es hieß, dass es den schönen Anhänger leider nicht gibt. Doch nun stand Juri in meinem Zelt und sagte mir, er habe zwei und er möchte mir einen davon geben. Ich habe mich sehr gefreut, mich bedankt und den das kleine runde Ding entgegengenommen. Nun habe ich doch eine Belohnung für die Besteigung des Pik Lenin, und dieser Anhänger hat jetzt auch einen sehr großen Wert für mich. Er wird mich nicht nur an den Berg und dessen Besteigung, sondern auch an die großartigen Menschen, die eindrücklichen Erlebnisse und an viele tolle Bekanntschaften und Gespräche erinnern. Danke Juri!

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