Bereit für den Gipfel – Akklimatisation erfolgreich abgeschlossen

Die Akklimatisationsphase für die Besteigung des Pik Lenin (7.134 m) ist abgeschlossen. Nach einer Nacht im Camp 3 auf 6.120 m erholen wir uns jetzt drei Nächte lang im ABC auf 4.400 m, bevor wir den Gipfelversuch starten.

Camp 1 (ABC) und Yukhina Peak

Als wir vor neun Tagen im Camp 1 (resp. ABC – 4.400 m) angekommen sind, hatte ich schon einen recht konkreten Plan für die Akklimatisationstouren in den kommenden Tagen. Mit unserem russischen Guide Juri hatte ich mich schon darüber geeinigt, nicht wieder ins Basislager abzusteigen, das war für uns beide klar. Was die kommenden Tage betraf, hatte ich jedoch andere Vorstellungen als Juri. So setzten wir uns hin, machten einen gemeinsamen Plan und handelten danach. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich sagen, er war und ist perfekt!

Am Tag nach unserer Ankunft im „Advanced Base Camp“ ging es über den Gletscher bis zum Eisbruch auf ca. 4.700 m. So konnten wir auch die ersten Meter zum Camp 2 erkunden und Juri und ich begutachteten diese erste Schlüsselstelle auf dem Weg zum Gipfel des Pik Lenin.

Nach der Rückkehr wurden die Rucksäcke gepackt, denn am folgenden Tag stand der erste Akklimatisationsgipfel und die erste Hochlager-Übernachtung am Programm. Bis zu den fix installierten Zelten am nahen Yukhina Peak sollten es an die drei Stunden Gehzeit sein.

Genau so war es, am frühen Nachmittag begrüßte uns Anastasia – der Herrin über die Zelte hier – mit einem heißen Tee auf 5.100 m, nur wenige Meter unterhalb des Gipfels. Die gute Aussicht hielt nicht lange, unsere erste Hochlager-Nacht war recht stürmisch und schneereich. Das sollte sich auch in den kommenden Akklimatisationsnächten nicht ändern. Der folgende Tag begann mit dem Abstieg, einem zweiten Frühstück im ABC und ging in einen entspannten Nachmittag über.

Tag 4 oberhalb des Basislagers war mit organisatorischen Terminen gefüllt. Hochlageressen wurde verteilt, Gepäck für den Transport gewogen, bezahlt und hergerichtet, Depottaschen gefüllt und ein bisschen Zeit musste auch noch fürs Üben mit der Steigklemme übrig sein. Um 1:15 Uhr in der kommenden Nacht sollte es ernst werden, der Aufbruch zur finalen und wichtigsten Akklimatisationsrunde stand bevor.

Vier Nächte in Hochlagern bis 6.120 m & Razdelnaya Peak (6.148 m)

Um 3:30 Uhr, nach einem wie immer reichhaltigen Frühstück ging es los, erst der Gletscherzunge folgend zum Eisbruch, über diese steile und spaltige Stelle hinweg und ein Stück die Nordwand hinauf, dann querend in die „Frying Pan“, einem nordöstlich ausgerichteten riesigen und eisigen Parabolspiegel, in dem die Kraft der Sonne so richtig spürbar wird.

Am westlichen Ende der Nordwand befindet sich auf 5.400 m das Camp 2. Knapp 6 Stunden dauerte der Aufstieg, den von vielen prophezeiten Qualen in der „Frying Pan“ konnten wir aufgrund unserer recht guten Geschwindigkeit weitgehend entgehen. Nach dem Beziehen der Zelte wurde die weitere Vorgehensweise besprochen.

Der Wetterbericht versprach wechselhafte Tage und ein Gutwetterfenster um den 8. und 9. August herum. Zeit hatten wir genug, weshalb wir uns für die bestmögliche Akklimatisation entschieden: Camp 3 liegt auf 6.120 m, was einen Schlafhöhenunterschied von 720 m bedeuten würde. Diesen an einem Tag zu überwinden ist aus höhentaktischer Sicht ziemlich mutig. Unsere Variante – Auf- und Abstieg am einen, Übernachtung am darauffolgenden Tag – war feiger, aber sicher auch vernünftiger.

Wie geplant wurde es auch ausgeführt. Zuerst 180 steile Höhenmeter auf einen mäßig steil ansteigenden Rücken, diesem anderthalb Kilometer lang folgend bis zur bösen Flanke unterhalb des dritten Camps. Dieser letzte und bis zu 42 Grad steile Anstieg wurde dann noch mit Schneefall und Sturm gewürzt. Oben angekommen hatte niemand Lust auf langes Rumsitzen im Schneesturm, weshalb es gleich wieder zurück ins Camp 2 und zu unseren wärmenden Schlafsäcken ging.

Tags darauf das gleiche Spiel noch einmal, diesmal aber mit schwerem Rucksack. Wettertechnisch war es bei unserer Ankunft nicht anders als am Vortag. Mit Kochtöpfen (Notiz: besser nicht darauf verlassen, dass das Camp-Management Schaufeln im Zelt hat) schaufelten wir unsere Zelte frei und richteten uns erstmal ein. Im Laufe des Nachmittags hörte der Schneefall eine zeitlang auf und wer Lust hatte, bestieg den nahen und 6.148 m hohen Razdelnaya Peak. Wie eh schon gewohnt kamen am Abend starker Schneefall, Sturm und sogar ein Gewitter, das mit Blitz und Donner direkt über uns hinwegzog.

Gestern ging es nach dem Frühstück zurück ins Camp 1 / ABC, das ein bisschen leerer aussah, als bei unserem Aufbruch ein paar Tage zuvor. Das liegt nicht daran, dass so viele abgereist sind oder sich in Hochlagern befinden, es sind zwei fehlende Essenszelte, die den auch hier niedergegandenen Schneefällen zum Opfer gefallen sind und ein Loch in der Mitte des Lagers zurückgelassen haben.

Wir haben nun zwei Ruhetage im ABC, dann wird es ernst. Der Wetterbericht bringt für unseren geplanten Gipfeltag gutes Wetter, aber in den letzten Tagen haben wir gesehen, dass dem Wetterbericht aufgrund der labilen Lage nicht unbedingt zu trauen ist. Wir sind aber zuversichtlich und hoffen auf 4 Tage Sonnenschein, Windstille und eine perfekte Fernsicht.

Kirgisisches Lagerleben

Das Leben an den bei Bergsteigern beliebten Expeditionsbergen wie dem Pik Lenin ist ein ganz besonderes. Die verschiedenen Agenturen haben ihre eigenen Basislager mit Küchenmanschaft und Essenzelten, Verschläge in denen Cola, Bier und Vodka gekauft werden kann und vor allem ein sehr buntes und internationales Publikum.

Uns ist schon zu Beginn aufgefallen, dass es im Camp von Ak Sai, der Organisation, mit der wir unterwegs sind, eine besondere Vielfalt zu beobachten gibt. Natürlich gibt es die, die man an allen hohen Berg beobachten kann: Nepali für schwere Lasten und Tätigkeiten, bei denen es vorteilhaft ist, von Natur aus auf den Olympus Mons akklimatisiert zu sein, Skyrunner in hautengen Hosen und eingefallenen Wangen, sowie große Expeditionsgruppen mit einheitlicher Rüstung und schwarmhaftem Auftauchen und plötzlichem Verschwinden.

Bei uns gibt es aber auch historische Gestalten, oder zumindest sehr nahe Ensprechungen. Als Beispiele kann ich hier die französischen Pendants zu Hanni und Nanni anführen, die eine orientalische Maid, die manch Bergsteiger*innen-Herz höher schlagen lässt, eine sagenhafte Gestalt, die am Fuße des eisigen Genossen sitzt und mit Rauchopfern versucht, die kirgisische-tadschikischen Berggötter milde zu stimmen, und natürlich der germanische Sagenheld, der mit verzauberter Ausrüstung und undurchschaubarer Taktik  Verwirrung und Unverständnis hervorruft.

Eigentlich wollte ich hier ein paar dieser Geschichen wiedergeben, aber wirklich erfahren kann man sie nur, wenn man vor Ort ist und sich davon fesseln lässt. Und wer es darauf ankommen lässt oder vielleicht kurz nicht aufpasst, wird selbst hineingezogen und findet sich selbst in einer dieser spannenden, oft schönen und selten tragischen Erzählungen.

Auf in die hohen Berge, ins Eis, in Schneestürme und in die glühende Sonnenhitze, in eine zeitlose Welt, grandiose Landschaften und unvergessliche Erfahrungen. Ich sage euch, es ist schön hier und niemals, niemals wird es langweilig…

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