Anstrengender Tag von 6.425 m zur Pazifikküste

Der große Tag, auf den wir uns die letzten Wochen vorbereitet haben, ist gekommen. Es hat zwar nicht alles ganz so funktioniert, wie wir es geplant hatten, aber es ist geschafft. 6.425 m Höhenunterschied mit reiner Muskelkraft – vom Gipfel des Coropuna zur Pazifikküste…

Nach einer Nacht in Cotahuasi sind wir wieder zum Coropuna gefahren und haben unser Basislager auf ca. 5.170 m eingerichtet. Für die kommenden Tage war geplant, den besten Weg für unseren Aufstieg auf den 6.425 m hohen Hauptgipfel zu suchen. So sind wir Tags darauf zum Normalweg aufgebrochen. Ein großer Vorteil für uns war der Schnee, der an den Süd-ausgerichteten Moränenrücken noch bis weit hinunter lag. So konnten wir schon ab einer Höhe von 5.365 m mit den Skiern aufsteigen.

Ich bin vor 15 Jahren auf diesem Weg zum Gipfel gegangen, und er war für mich kaum wieder zu erkennen. Das Eis ist sehr stark zurückgegangen, der felsige Rücken zwischen 5.750 m und 6.100 m hat es damals in dieser Form nicht gegeben. Dadurch ist der Aufstieg anspruchsvoller geworden, vor allem bei den Schneeverhältnissen, wie wir sie hatten.
Auf 6.260 m kehrten wir um und mussten erkennen, dass sich diese Route für eine entspannte Skiabfahrt nur wenig eignet.

Am nächsten Tag starteten wir auf einem anderen Weg zum Gipfel. Ein Umweg durch Eisbrüche, unter dem Hauptgipfel vorbei und zu zwei steilen Flanken, die von der anderen Seite auf den Gipfel führen. Aritza hat uns den perfekten Weg durch die Spalten gefunden und auf ca. 6.150 m, unterhalb der Gipfelhänge, haben wir die Abfahrt angetreten und beschlossen, dass dies wohl die bessere Route für unser Projekt ist.

Der 14. Mai war unser „Ruhetag“. Umpacken, vorbereiten für den großen Tag, das Basislager nach oben, auf 5.255 m, verlegen, schlafen. Oder zumindest versuchen, Schlaf zu finden.

Um 19:00 Uhr lagen wir in den Zelten, der Schlaf kam leider nicht, aber Ausruhen ist auch eine gute Vorbereitung. Um 21:30 Uhr läutete der Wecker und ließ uns umziehen, Schlafsäcke und Matten verpacken, „Frühstücken“ und fertig werden für den Aufbruch. Um 23:15 Uhr ging es los, zuerst 100 Höhenmeter zu Fuß bis zum Schnee, dann über den bereits bekannten Weg zu den Hängen unterhalb des Gipfels. Alles verlief bestens, das Wetter war perfekt, der Wind hat sich sehr zurückgehalten. Die letzten 300 Höhenmeter ging es dann teilweise mit Steigeisen hinauf, und pünktlich zum Sonnenaufgang um 6:00 Uhr standen Aldo, Aritza, Renzo und ich am höchsten Punkt des Coropuna auf 6.425 m und genossen die ersten Sonnenstrahlen dieses Tages, der noch lang und hart werden sollte.

Unser eigentliches Projekt begann in diesem Moment. Ich fuhr mit den Skiern ab, ein Teil der Gruppe hat für die ersten Meter die Steigeisen bevorzugt. Danach weiter in anspruchsvollem Bruchharsch durch den Gletscherbruch und hinunter bis zum Ende des Schnees. Von dort waren es nur gut 10 Minuten zu Fuß bis zu Lager. Die Fahrräder standen zwar schon bereit, weil aber bei einigen Reifen noch Luft fehlte und dies und das gemacht werden musste, verzögerte sich unsere weitere Abfahrt ein wenig. Aber um 8:40 Uhr ging es los. Wir ließen es erstmal rollen, auf einer sandig-schotterigen Straße gut 500 Höhenmeter bis auf 4.740 m, wo wir auf die offizielle Schotterstraße kamen.

Erst ein wenig bergauf und bergab, dann wieder hinunter. Diese ersten Kilometer waren nicht schwierig und haben richtig Spaß gemacht. Ein bisschen ärgerlich war nur der Platten bei Renzos Fahrrad, der ihn leider zurückfallen ließ.
Aldo, Aritza und ich wurden von Iván auf dem Fahrrad begleitet. Iván ist auch Bergführer und Inhaber der Outdoor-Agentur „Quechua Explorer“ in Arequipa und hat uns die Bikes zur Verfügung gestellt. So ging es weiter bis nach Rata, wo der von uns gewählte Weg nach rechts abzweigte.

Ursprünglich war geplant, durch das Valle de Majes nach Camaná abzufahren. Dann wurde uns jedoch die Straße nach Ocoña empfohlen. Landschaftlich auch schön, wenige Gegenanstiege, super Schotterstraße, bis auf ein paar Kilometer. Ein Blick auf die Karte verriet uns, dass die Straße 30 km später im Tal ankommt und wir daher – so unser Irrglaube – 30 km Abfahrt gewinnen würden. Also rechts weg nach Ocoña.

Es ging erstmal bergauf und ein bisschen bergab, aber wir waren ja noch relativ frisch, und jeder Meter bergauf bedeutete mehr Abfahrt. Die Straße war okay, ziemlich holprig und manchmal auf weiten Strecken Waschbrettpiste. Aber Hintern, Handgelenke und Knie waren noch frisch und regten sich nicht auf.
In der Zwischenzeit hatte Renzo wieder zu uns aufgeschlossen, Aritza ging die Abfahrt aufgrund einer alten, noch störenden Verletzung ein wenig langsamer an und blieb weiter hinten bei unserem Begleitfahrzeug und Iván.

Dann, nach 5 Stunden Fahrt kam Aldos Reifenplatzer. Wir wussten nicht, wie weit hinter uns die anderen waren. Telefonisch konnten wir niemanden erreichen.
Unser Plan sah im besten Fall vor, dass wir zum Sonnenuntergang an der Küste sind, vorzugsweise mit einem Glas Pisco Sour in der Hand. Und dies war noch möglich, aber nur, wenn wir uns ranhielten und keine Minute verschwendeten. Daher trafen wir die Entscheidung, dass Renzo und ich schon einmal weiterfahren, Aldo wartete auf Hilfe und wir beschlossen, uns telefonisch darüber zu verständigen, wie es dann weiter geht.

Renzo und ich gaben Gas, meine Laune verschlechterte sich jedoch mit jeder Minute. Mich störte, dass Aldo wegen einem dummen Platten nicht mehr mit uns abfahren konnte, wir hatten dieses Projekt doch gemeinsam geplant, gestartet, und sollten es auch gemeinsam beenden. Ich begriff nicht, wieso unser Begleitfahrzeug weder in der Nähe, noch erreichbar war, genau dann, wenn wir es benötigten. Dann waren da noch die Gegenanstiege. Mir schien, dass die Straße nur aus Flachstücken und Bergauffahrten bestand. Und wenn es einmal hinunter ging, war die Piste so schlecht, dass man nur selten schneller als 35 km/h fahren konnte. Und, die Kilometer wollten nicht weniger werden.

Als wir im flachen Teil der von uns gewählten Strecke ankamen, sagte das Handy, dass noch 100 km fehlten, und uns wurde klar, dass es mit dem Sonnenuntergang an der Küste definitiv nichts werden würde. In der ersten Ortschaft seit vielen Kilometern, in San Juan de Chorunga, machten wir halt und kauften uns etwas zu trinken und einen Muffin als verspätetes Mittagessen. Wir mussten uns auch um die Reifen auf Renzos Fahrrad kümmern, die hatten kaum mehr Luft. In einem kleinen Geschäft bekamen wir Fahrradflicken und wir reparierten jeweils ein Loch in Vorder- und Hinterreifen.

Es ging weiter, auf einer größeren Schotterstraße, die jedoch noch schlechter war als die Straße zuvor. Telefonisch konnten wir leider niemanden erreichen, wir hofften, dass es allen gut ging. Zwanzig Kilometer weiter kam der lange erwartete Anruf von Carlos. Er teilte mir mit, dass es allen gut gehe, und sie gerade in San Juan de Chorunga angekommen seien. Spitze. Wir gingen davon aus, dass das Begleitfahrzeug in spätestens einer Stunde zu uns aufschließen würde. Wir hatten noch knapp zwei Stunden Licht und wollten dieses nutzen, also warteten wir nicht, sondern gaben weiter unser Bestes.

Schön zu wissen, dass bald Unterstützung kommt, und in unserem Fall war dies auch dringend notwendig. Weil wir ja davon ausgingen, dass das Begleitfahrzeug ständig in unserer Nähe ist, hatten wir nicht viel dabei. Bei Renzo war es nur eine Jacke, bei mir ein Rucksack mit Kamera, Erster Hilfe, Jacke, ein paar Keksen, einer leeren Trinkflasche und insgesamt 80 Soles (20 Euro). Zusätzlich eine Stirnlampe, sowie eine Notlampe in der Ersten Hilfe. Aber, mit dem Begleitfahrzeug direkt hinter uns hätten wir ja auch in der Nacht beste Sichtverhältnisse und einen guten Schutz vor LKWs und SUVs. Normale PKWs verirrten sich glücklicherweise keine auf diese ruppige Schotterpiste.

Es wurde dunkler, und irgendwann richtig dunkel. Ich holte meine Stirnlampe aus dem Rucksack und gab sie Renzo, für mich blieb das Notlicht. Dies reichte, um auf der Straße bleiben zu können, Schlaglöcher konnte ich damit keine ausmachen, große Steine erkannte ich ca. 1 Meter vor dem Vorderrad. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit verringerte sich drastisch, wir waren mit 10 – 13 km/h unterwegs und mussten bei fast jedem LKW am Straßenrand anhalten. Entweder, um nicht überrollt zu werden, von hinten waren wir eher schwer zu erkennen, oder, weil das Licht der entgegenkommenden Fahrzeuge so blendete, dass man gar nichts mehr erkennen konnte.

So ging es dahin. Stunde um Stunde, der Hintern tat von den zehntausenden Schlaglöchern weh, Knie und Handgelenke hatten auch schon lange genug von der nervenden Waschbrettpiste. Irgendwann legten wir noch einmal einen kurzen Halt ein, um etwas zum Trinken zu kaufen. Essen war nicht drin, einerseits, weil wir nicht wussten, wieviel von unseren 80 Soles noch für Übernachtung und Verpflegung an der Küste verwendet werden musste, andererseits, weil dies wieder unnötig Zeit gekostet hätte. Und wir wollten endlich ankommen.

Weil wir Aldo, Aritza, Carlos und Iván telefonisch nicht erreichen konnten und wir keine Ahnung hatten, wo sie abgeblieben sein könnten, vertrauten Renzo und ich nicht mehr auf ihre Hilfe. Wird schon irgendwie gehen, ein Schlagloch nach dem anderen, jedes bedeutet einen unsanften Schlag auf den Hintern weniger bis zum Ziel in Ocoña.

Um Mitternacht waren wir endlich da. Renzo und ich, in Ocoña, an der Panamericana, wieder in der Zivilisation, nur 5 km von der Küste entfernt. Zwischen Tiendas, Hospedajes, Tankstellen und Imbissbuden. Total am Arsch, aber da. Wir suchten uns eine Tankstelle um Informationen zu Übernachtung und Restaurants einholen zu können, über die 5 km bis zur Küste, unserem eigentlichen Ziel, redeten wir kein Wort. Erstmal musste Cola und Wasser reichen, um wieder ein wenig zu Kräften zu kommen. Geschafft. Quasi. Geil.

Dann läutete das Telefon. Carlos – was für ein Wunder. In einer halben Stunde seien sie in Ocoña. Super. Viel mehr als „Tankstelle“ habe ich nicht geantwortet, wir saßen da und warteten, bis der Hyundai mit dem kaputten Auspuff erst zu hören, und dann auch zu sehen war. Hinter ihm, Aldo und Iván auf dem Fahrrad. Das kam überraschend!

Vor 11 Stunden hatten wir Aldo das letzte Mal gesehen, unser „Begleitfahrzeug“ war sogar für 15 Stunden verschwunden. Wir waren überglücklich, dass die Gruppe wieder komplett war. Aritza saß im Auto, er ist ca. 40 km vor dem Ziel vom Bike gestiegen, ihm hatte eine alte, noch nicht ganz verheilte Verletzung an den Rippen zunehmend Probleme bereitet. Der ganze Frust war verschwunden, neue Energie war auf einmal wieder da, woher die kam, weiß ich nicht.

Es fehlten noch die letzten gut 5 km zu Küste. Also wieder in die Sättel, diesmal zu dritt, Aldo, Renzo und ich. Eine knappe halbe Stunde später standen wir im Wasser und freuten uns wahnsinnig, unser Ziel nun endlich und doch noch und gemeinsam erreicht zu haben.

Ein harter Tag, ein sehr harter Tag ging zu Ende. Vor 19,5 Stunden standen wir am Gipfel des Coropuna auf 6.425 m, jetzt am Pazifik auf genau 0 m. Wir haben 217 km zurückgelegt, davon 211 auf dem Fahrrad.

Carlos hat uns in der Zwischenzeit eine Unterkunft gesucht, wir fuhren wieder zurück in die Stadt und legten uns für ein paar Stunden hin, bevor es mit dem Auto wieder zurück nach Arequipa ging…

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