Patagonische Umstände

[Dieser Beitrag ist am 21. Jänner 2018 entstanden, konnte aber erst nach der Rückkehr vom zweiten Teil unserer Tour veröffentlicht werden. Er beschreibt die erste Reise unseres Kajak-Berg-Trips, vom 4. bis zum 17. Jänner 2018]

Patagonien weit abseits der bekannten Routen, mit Kajak und Steigeisen, ohne Unterstützung von außen, das war und ist unser Plan. Dass uns eine Unterbrechung aufgezwungen wird kommt unerwartet, wie es so weit gekommen ist, hier:

Am 4. Jänner sind wir mit unseren Kajaks in der Bahía Talcahuano gestartet. Essen für 5 Wochen, sowie sämtliche Ausrüstung für Berg und Wasser, waren im und auf den Kajaks verstaut. Ich brachte es auf satte 77 kg, plus Kajak, plus Stefan.

Der erste Tag hat vielversprechend angefangen. Wenig Wind, kaum Regen und ruhiges Wasser. Gegen Abend wunderten wir uns über lautes Gebrüll und bald sahen wir einen Felsen, auf dem sich jede Menge Robben ausgeruht haben. Natürlich konnten wir nicht daran vorbei und sind stehen geblieben, um uns die Tiere genauer anzuschauen und alles auf Foto und Film festzuhalten. Später zogen zwei Kondore über uns ihre Kreise und auch Delphine sind vorbeigekommen. Was für ein perfekter Start für unseren Trip.

Es folgten drei Tage mit abwechslungsreichem Wetter, Sturm, Regen, aber gelegentlich auch perfekte Bedingungen. So herrschte bei der Ankunft im Ancón sin Salida, dem Ausgangspunkt für unsere Route auf den Monte Burney sogar Windstille. Der Berg hat sich gleich in seiner vollen Mächtigkeit gezeigt und uns für den Aufstieg sehr optimistisch gestimmt.

Doch der nächste Tag hat uns dann das wahre Gesicht der Península Muñoz Gamero gezeigt, bei Dauerregen mussten wir den kompletten Tag im Zelt ausharren.

Dann ging es los. Erst galt es, einen Weg durch den dichten, 800 m breiten Waldstreifen hinter der Küste zu schlagen. Das hat einen vollen Tag gedauert, den darauffolgenden sind wir mit schwerem Rucksack und Essen für eine Woche Richtung Monte Burney gestartet. Hinter dem Waldstück befindet sich eine oft sehr sumpfige Graslandschaft, die uns relativ problemlos Strecke machen ließ.

Irgendwann kam dann der Zeitpunkt, ab dem (fast) alles schiefgelaufen ist. Zuerst ist Lars unfreiwillig bis zum Bauch in einem Bach gelandet, dann sind wir auf einen tiefen, steilen und sehr dicht bewaldeten Graben gestoßen, der uns veranlasst hat, unser Camp früher als geplant aufzuschlagen. Schließlich haben wir durch ein Missgeschick auch noch die Hälfte unseres Brennstoffes verloren. Der Wetterbericht, der uns aufs Satellitentelefon geschickt wurde, konnte uns nicht positiver stimmen, denn es wurde starker Wind und Regen vorhergesagt. Definitiv nicht das, was man sich für die erste Begehung einer neuen Route an einem äußerst exponiert stehenden, patagonischen Berg wünschen würde.

Die Entscheidung über die weitere Vorgehensweise viel uns gar nicht leicht. Einerseits war das Wetter noch recht gut, das angestrebte Basislager am Berg nicht mehr allzu weit entfernt, andererseits sprach der Wetterbericht und die eingeschränkten Kochmöglichkeiten klar gegen ein Weitergehen. De Wahrscheinlichkeit, dass wir für ein paar Tage am Berg festsitzen, ohne Brennstoff und damit der Möglichkeit beraubt, Eis zu schmelzen und essen zu kochen, war recht hoch und nicht gerade verlockend. Deshalb wurde der Rucksack nur leicht gepackt und mit der Absicht, den Weiterweg zum Berg zu erkunden, um bei unserer Rückfahrt vom Fiordo de las Montañas in zwei Wochen noch einmal einen Versuch wagen zu können.

So sind wir gut vorangekommen, haben am Nachmittag wie geplant umgedreht, um es bis zum Abend noch an die Küste zu schaffen. Dort sind wir dann spät bei strömendem Regen und steifem Wind angekommen. Genau dieses Wetter hat sich dann in den kommenden Tagen nicht geändert. Aber langsam gewöhnten wir uns schon fast daran, dass alles feucht ist und man patschnass wird, wenn man mal aufs Klo, oder Wasser fürs Essen holen muss.

Am Vormittag des dritten Schlechtwettertages hat dann zumindest der Regen ein wenig nachgelassen und wir haben die Chance ergriffen, um einen Ausgang aus dem Ancón sin Salida zu finden. Es war ein hartes Stück Arbeit, um gegen den Wind und die hohen Wellen anzukommen. Am Abend haben wir ein tolles Camp gefunden, in einer schönen, windgeschützten Bucht, neben einem kleinen, einen halben Meter unterhalb von uns fließendem Bächlein, und hoch genug, um vor der nächtlichen Flut sicher zu sein.

Mit Vorfreude auf zehn Tage im faszinierenden Fiordo de las Montañas und, bei annehmbarer Wetterprognose, Aussicht auf eine Rückkehr zum Monte Burney, haben wir unser Abendessen gekocht.

Es war kurz nach ein Uhr nachts, als Lars laut meinen Namen schrie und mir mitteilte, dass unser Camp unter Wasser stehe. Erst da merkte ich, dass auch mein Zelt im Wasser stand, im Gegensatz zu Lars aber noch kaum Wasser eingedrungen war. 15 cm hoch reichte der Bach, in dem das Zelt nun stand, nur zwei Fingerbreit unterhalb des Reißverschlusses hörte das Wasser auf. Rasch packte ich alles in Drybags und zwängte mich in meinen zumindest innen noch ziemlich trockenen Trockenanzug, der im Vorzelt schwamm. Lars hatte schon begonnen, seine Habseligkeiten auf die Mooshügel des Hanges neben dem Camp zu schaffen.

Eine halbe Stunde später saßen wir durchnässt und unbequem auf Moosbuckeln, aber zumindest in meinem Zelt, und dadurch vom Dauerregen geschützt. Schlotternd warteten wir auf den Morgen.

Wie konnte das geschehen? Das haben wir uns auch lange gefragt, denn natürlich waren wir vorsichtig und uns der Gefahren von Flut, und dem sich dabei rückstauenden Bächlein bewusst. Wir dachten, den Platz entsprechend sicher ausgewählt zu haben, was aber nicht der Fall war. Später am Tag haben wir erst gesehen, wieviel es in der Nacht geregnet hat, überall rannen Bäche über die Felsen hinunter, wo am Vortag noch kein Wasser war. Dieses Wasser hat unseren Bach stark ansteigen lassen, und in Verbindung mit der Flut ist sein Pegel soweit gestiegen, dass unser Camp 20 cm unter Wasser stand. Die komplette Grasfläche war überschwemmt.

Nachdem wir uns mit Tee, Kaffee und einer doppelten Portion Müsli wieder einigermaßen aufgewärmt hatten, packten wir unsere Sachen ins Kajak und sind losgefahren.

Meinen Daunenschlafsack konnte ich rechtzeitig in einen Drybag retten, Lars hatte da weniger Glück da seiner bereits im Wasser lag, als er aufwachte. An eine Fortsetzung unserer Tour war nicht mehr zu denken, denn ohne wärmenden Schlafsack hat man in den verregneten, stürmischen und kalten patagonischen Fjorden, wo die Gletscher bis ins Meer reichen, schlechte Karten. Unsere Kalkulation ergab, dass, wenn wir es mit Vollgas, wenig Pausen, Wetterglück und wenig Gegenwind paddelten, in zwei Tagen bis zum Auto in der Bahía Talcahuano schaffen könnten. Also los.

Am späten Nachmittag haben wir ein Fischerboot gesehen, das in einer Bucht vor Anker lag. Die Besatzung, bestehend aus Noldo, Vicor, Jan und Meyer, hat uns freundlicherweise erlaubt, an Board zu kommen, um ein paar unserer Sachen zu trocknen. Die Wärme aus dem kleinen Ofen war traumhaft, und die Fischer eine wunderbare Gesellschaft, von denen wir viel über die Gegend und die Lebensumstände in den stürmischen patagonischen Fjorden erfahren konnten. So lagen bald unsere Snacks für die kommenden Tage am Tisch, später wurden wir zum Abendessen eingeladen, und bald hat es auch unsere bis jetzt aufgesparte Flasche Whiskey aus dem Kajak und auf den Tisch der Kajüte geschafft. Auch für die Nacht wurde uns ein Platz zugewiesen, den wir dankbar in Anspruch nahmen.

Am nächsten Tag durften wir auch noch ein paar Kilometer mit Richtung Puerto Natales fahren, und am Abend haben wir mit dem Kajak die Bahía Talcahuano erreicht. Soto, der Fischer, bei dem wir das Auto abgestellt hatten, hat uns herzlich begrüßt und gleich mit Kaffee und Butterbroten verwöhnt. Wir waren in erste Linie froh, dass wir sicher und gesund wieder zurückgekommen sind, auf der anderen Seite war es schon sehr schade, dass wir frühzeitig abbrechen mussten.

Aber, wir haben ja noch Zeit. Der Schlafsack kann getrocknet werden und Motivation ist auf jeden Fall noch jede Menge da. Wir hoffen, in wenigen Tagen wieder in die Bahía Talcahuano und zu Soto fahren zu können, um erneut in die abgelegenen Fjorde zwischen Pazifik und dem besiedelten Patagonien zu starten.

 

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