Volcán San José (5.856 m)

Dass das Bergsteigen ein Auf und Ab sein kann, auch wenn es stets hinauf geht, durfte ich letzte Woche erfahren.

Vor genau einer Woche bin ich nach Baños Morales gefahren, einem verschlafenen Nest im Cajón del Maipo. Nach einer erholsamen Nacht auf angenehmen 1.830 m ging es am Sonntag in der Früh los. Der Anfang der Tour ist ein bisschen frustrierend, da die ersten sechs Kilometer problemlos mit dem Auto bewältigt werden könnten, wenn man denn eines hätte. Aber es hat auch ohne geklappt. Neben dem (natürlich unbewirteten) Refugio Plantat auf 3.130 m entstand mein erstes Lager, und die ersten Zweifel machten sich bei mir im Zelt breit. Platz war ja genug da.

Ich bin mir vorgekommen wie jemand, der noch nie in den Bergen war, ich hatte frische Blasen an den Füßen, die Schultern schmerzten vom viel zu schweren Rucksack und die Motivation weiter zu gehen war nicht allzu groß. Ich entschied, sollten es die lädierten Sohlen zulassen, am kommenden Tag noch ein paar hundert Meter aufzusteigen, eine weitere Nacht im Zelt zu verbringen, dann wieder nach Baños Morales abzusteigen, ein Teil des sinnlosen Gepäcks dort zu lassen (wer kommt auch auf die Idee, E-Reader, Stativ, drei Objektive und noch mehr so Zeugs am Berg zu brauchen??), einen Tag zu entspannen, und dann noch einmal aufzubrechen.

Doch der kommende Tag war dann doch anders. Beim Aufstehen war das Wetter gut, beim Morgen-Kaffee hat mir Carlos aus San Filipe Gesellschaft geleistet, und meine nachhaltige und radikale Blasen-Drainage hat besser funktioniert als erhofft. Vielleicht klappt es ja doch wie ursprünglich geplant? Zirka fünf Kilogramm unnützes Gepäck wurde in einer Felsspalte vergraben, mit Steinmännchen und GPS markiert und los ging es über Schotter, Schnee und durch schöne Büßereisfelder. Auf 4.350 m entstand mein zweites Camp. Bergsteigen kann schon auch Spaß machen. Dass mir ein von oben kommender Bergsteiger gesagt hat, dass das Wetter schlecht werden soll und ich der einzige auf dem Weg nach oben war konnte mir die Freude nicht nehmen.

Hier muss gesagt werden, dass der Volcán San José ein beliebter und vor allem von den vielen chilenischen Bergsteigern oft begangener Berg ist. Auf dem Normalweg technisch leicht, die einzigen Schwierigkeiten sind Höhe, die 4.000 Höhenmeter zwischen Startpunkt und Gipfel sowie Wind und Temperaturen. Ideal zum Akklimatisieren.

Am Dienstag war das Wetter bestens, der weitere Aufstieg durch schöne Büßereisfelder problemlos und das dritte Camp auf 4.930 m perfekt gelegen. Ich war zuversichtlich für die letzten 900 Höhenmeter am kommenden Tag. Um 4:30 Uhr läutete der Wecker das erste Mal, nach einem gemütlichen Tee und Nudelsuppen-Frühstück ging es um kurz nach 6 Uhr bei frischen -9 °C und im ersten Tageslicht los. Je höher ich kam, desto kälter wurde es und umso stärker der Wind. Besonders die letzten 300 Höhenmeter hatten es in sich. Nebel und Wolken haben die Sonne ferngehalten, die Luft ist auf -17 °C abgekühlt und der Wind war so stark, dass ich mich nur in Schräglage fortbewegen konnte und meine Finger trotz der wärmsten Handschuhe, die ich dabei hatte, langsam unangenehm kalt wurden. Am Kraterrand auf knapp über 5.800 m fühlte ich mich wie 8 Jahre zuvor, als ich an genau der Stelle umgedreht bin. Der Hauptgipfel liegt genau auf der anderen Seite des Kraters und nach einem kurzen Check (Füße: warm. Finger: geht. Nase: geht. Kopf: tut weh, aber gut) nahm ich die letzte Etappe in Angriff.

Der Wind hat in drei verschiedenen Stärken geblasen.
Stärke 1: die Grundstufe. Fortbewegung in Schräglage möglich.
Stärke 2: 20 bis 30 Sekunden andauernder sehr starker Wind. Fortbewegung nicht möglich.
Stärke 3: kurze Böen, die einen aus dem Stand um einige Meter versetzen. Ducken ist angesagt, und aufpassen, dass man nicht in de

n Krater oder nach Argentinien geblasen wird.

Kurz nach 10 Uhr, nach 4 Stunden Aufstieg, erreichte ich den Hauptgipfel und ich habe mich erstmal flach auf den Boden gelegt, um kurz durchatmen und meine Hände aufwärmen zu können. Dann auf, ein paar Fotos schießen und wieder zurück zum Zelt. Mehr an Gipfelrast war nicht möglich und auch nicht notwendig, denn mein Tee war eh schon zu Eis erstarrt.

So starker Wind hat auch seine Vorteile. Vor allem im Abstieg, wenn er dirket von vorne kommt. Für alle, die einmal in einer sochen Situation sind, hier ein kleiner Tipp: Am besten geht man wie ein Skispringer in die Abfahrtshockey, die Hände in den windgeschützten Bereich unter dem Rucksack, Oberkörper nach vorne, und schon müssen die Füße nur noch mit einem leichten Impuls abwechslungsweise nach vorne geschleudert werden. Das Gewicht von Oberkörper und Rucksack wird zur Gänze vom Wind getragen.

Trotz dieser wunderbaren Technik war ich ziemlich fertig, als ich beim Zelt angekommen bin. Schwer konnte ich mich motivieren Tee zu kochen und etwas zu essen. Doch ein bisschen Schlaf, eine halbe Packung Erdnüsse und ein Liter Tee haben mich wieder dazu motiviert, das Zelt zusammenzupacken und mich auf den Weg ins Tal zu machen.

Die vierte Nacht im Zelt war dann wieder beim Refugio Plantat, mit schönen Gedanken an Strand, Meer, gutes Essen und ein Bier bin ich eingeschlafen.
Am Vorabend hätte ich es für unmöglich gehalten, aber als ich am Morgen aufgewacht bin, war schon wieder die Lust auf weitere Berge da, obwohl ich diesen Berg noch nicht einmal ganz hinter mich gebracht hatte.

Aber der Abstieg nach Baños Morales sollte kein Problem sein. Ich bin einfach einem Muli-Treiber gefolgt, überzeugt davon, dass er einen besseren Weg hinunter kennt als ich. Als er dann gemütlich durch einen mittelgroßen Bach geritten ist und ich keine Lust auf Ausziehen und nasse Füße hatte, bin ich frei Schnauze auf meiner Seite des Bachs weitermarschiert. Irgendwann, wenige hundert Höhenmeter tiefer, stand ich dann da, links und rechts von mir inzwischen nicht mehr nur mittelgroße Bäche, nichts wo man sich an einer Querung versuchen möchte, und die Straße dahinter nur einen Katzensprung entfernt. Der abermalige Aufstieg und die Stunde Zeitverlust konnten meine Freude aber nicht trüben. Am frühen Nachmittag bin ich bei Ramón, dem Dueño vom „Tambo del Valle“ angekommen, er hat mir ein Gläschen Wein angeboten und für mich zwei Spiegeleier gekocht hat. Anschließend durfte ich eine schöne, warme Dusche genießen. Das restliche Baños Morales war wie ausgestorben, die einzigen anderen Touristen, zwei italienische Kletterer, haben mir versprochen, mich am folgenden Tag mit ins Tal zu nehmen. Der Abend wurde auch sehr gemütlich, Ramón hat mir wieder was Feines gekocht, gemeinsam haben wir fern gesehen und ein bisschen über die Berge palabert.

Gestern Mittag bin ich dann in Santiago angekommen und der Plan für die kommenden Tage ist auch schon gemacht: Churrasco, Completo, Lomo a lo pobre, Empanada und Pizza, dann Sand, Strand und Meer, denn am Pazifik war ich schon lange nicht mehr. Dort mache ich mir dann weitere Gedanke über die Berge.

Das Leben ist schön.

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2 Gedanken zu „Volcán San José (5.856 m)

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